Auf ganz ganz andere Weise Auskunft über die DDR gibt –

Reiner Kunze: "Die wunderbaren Jahre", Prosa; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1976; 133 S., 18,– DM.

Der Titel stammt aus Truman Capotes "Glasharfe": "Ich war elf und später war ich sechzehn. Verdienste erwarb ich mir keine, aber das waren die wunderbaren Jahre." Dies zu zitieren, ist wichtig, denn in Kunzes Prosaband ist keine einzige Zeile zufällig, und so ist auch keine einzige Zeile überflüssig.

"Inhaltsangaben" will ich versuchsweise gar nicht erst angehen; wie sollte einer den Inhalt von Prosa referieren, von diesen etwa fünfzig Stücken, von denen keines länger als drei Seiten ist, viele nur Fünf- bis Fünfundzwanzigzeiler sind? Und doch, sind es weder Aphorismen noch Anekdoten, keine Kürzestgeschichten; es sind – ich wage lieber einen graphischen Vergleich – scharf aus der DDR-Wirklichkeit herausgestochene Medaillons. Doch: Medaillon – das klingt so "koloriert", fast lieblich, und ich denke dann doch lieber an unkolorierte, winzige Stiche, 5 X 8 Zentimeter, Rheinansichten, Stadtansichten, die ich jedem historischen Prachtschinken-Fresko von 5X8 Metern in irgendeiner Stadthalle vorziehe.

Die Stille, in der Kunzes (vorerst nur im Westen erschienene) Prosa sich steigert und fortbewegt, macht einen atemlos, vor Spannung auch. Schlimm, denkt man, doch dann kommt’s schlimmer und noch schlimmer. Das fängt mit den "Friedenskindern" an, sechs winzigen Stücken auf die Sechs- bis Zwölfjährigen, die da im Schießen und Stechen geübt werden, und der Gegenstand des siebten Stücks ist logischerweise das Opfer eines Schießbefehls. "Federn" nennt sich die zweite Abteilung, "Verteidigung einer unmöglichen Metapher" die dritte. ("Sie ist die Faust, mit der Gott auf ihre Eltern niederfährt. Aber eine Faust, die weinen kann. Mit dieser unmöglichen Metapher leben.") Die vierte Abteilung heißt "Café Slavia".

Ganz gewiß ist an dieser Prosa nichts erfunden, außer eben dem Entscheidenden, der Form, die sie gefunden hat, und es läßt sich eben das eine vom anderen weder trennen noch abziehen. Die Form rechtfertigt die Mitteilung des Inhalts, und da gibt es nirgendwo Ab- oder Ausweichen, wie ein Roman es immer wieder erlaubt. "Inhalte" zu erfinden, das spürt man, wäre hier tödlich gewesen, und so ist dieser kleine Prosaband aufschlußreicher, gibt mehr Auskunft, als einige Romane geben könnten. Und da es gewiß wiederum kein Zufall ist, daß "Federn" eine gewisse Rolle spielen, käme ich – müßte ich einen ballistischen Vergleich suchen – auf Blasrohr. Wer mit dem Blasrohr arbeitet, muß sehr leise sein, beobachten, Geduld haben, auch gute Ohren – und darf doch nicht zögern, wenn der Augenblick gekommen ist, die Leute zu erwischen. Blasrohr – das beträfe das Aktive an Kunzes Prosa; das Passive wäre wohl am besten mit Seismograph ausgedrückt; und da es ja Leute gibt, die wütend auf den Seismographen einschlagen, wenn er ein Beben ankündigt, das ja nicht sein darf, so muß man sich drauf gefaßt machen, daß diese leise, scharf gestochene Prosa einigen Ärger ver-

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