Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werden die Besitzer festverzinslicher Papiere im Jahr 1976 besser abschneiden als die Aktionäre. Während der Aktienindex bislang um etwa fünf Prozent gesunken ist, sind die meisten festverzinslichen Papiere heute mehr wert als am Jahresende 1975. Mit diesem Ergebnis haben auch die Experten kaum gerechnet. "Überall regierte bisher die Skepsis", schreibt das Hamburger Bankhaus M. M. Warburg – Brinckmann, Wirtz & Co; "die institutionellen Anleger übten sich in Zurückhaltung. Die öffentliche Hand bemühte sich zu steigenden Zinsen um Kapital. Eine Kollision der öffentlichen und privaten Kapitalnachfrage schien nur noch eine Frage der Zeit."

Inzwischen hat sich der Markt um 180 Grad gedreht. Allerdings haben die Rentenkurse ihren hohen Stand vom Ende des 1. Quartals 1976 noch nicht wieder erreicht. Damals lag die Durchschnittsrendite aller Achtprozenter nur noch bei 7,70 Prozent, heute bei 8,14 Prozent. Ausschlaggebender als nackte Zahlenvergleiche, meine verehrten Leser, ist aber das völlig veränderte Klima am Rentenmarkt. Es kommt darin zum Ausdruck, daß die Anleger nicht mehr wie bisher der Risikoabsicherung den Vorrang geben, sondern in erster Linie auf Rendite achten.

Waren Emissionen mit Laufzeiten von mehr als fünf Jahren bis vor kurzem noch im Publikum unverkäuflich, so lassen sich heute achtjährige Titel ohne Schwierigkeiten unterbringen. Hauptsache, es wird ein schöner runder Nominalzins geboten. Die letzte Bundesbahnanleihe mußte trotz ihrer achtjährigen Laufzeit und trotz des auf acht Prozent gesenkten Nominalzinssatzes (Rendite 8,29 Prozent) zugeteilt werden. So groß war die Nachfrage.

Unter diesen Umständen sieht man der für Ende dieses Monats angekündigten neuen Bundesanleihe mit Spannung entgegen. Die zu erwartende "Verschlechterung" der Konditionen könnte sich in zwei Richtungen bewegen. Einmal wäre eine weitere Verlängerung der Laufzeit von acht auf zehn Jahren bei Beibehaltung eines Zinskupons von acht Prozent möglich, denkbar wäre aber auch die Rücknahme des Nominalzinssatzes auf 7 1/2Prozent bei auf fünf Jahre verkürzter Laufzeit und einem niedrigeren Ausgabekurs. Eine solche Emission hätte sich an der 7 1/2prozentigen Bundesanleihe zu orientieren, die in diesem Jahre aufgelegt worden ist und deren Kurs heute noch unter 97 Prozent liegt.

Volkswirtschaftlich würde eine längere Laufzeit sinnvoll sein, weil auf diese Weise eine Entzerrung der sich um 1980 zusammenballenden Tilgungstermine eintreten würde. Vom Anlegerstandpunkt wäre eine Laufzeit von fünf Jahren vermutlich besser. Niemand sollte nämlich die bösen Erfahrungen der Jahre 1973 und 1974 vergessen, als die Kurse der festverzinslichen Papiere tief in den Keller gingen. "Es wäre ein wenig vermessen", so kommentiert die "Börsen-Zeitung" die Lage am Rentenmarkt, "wollte man die quasi paradiesischen Zustände ad infinitum in die Zukunft projizieren." Andererseits glaube ich nicht, daß der Nominalzinssatz schon im nächsten Jahr wieder auf zehn Prozent anziehen wird. Festverzinsliche Papiere sind gegenwärtig zwar eine echte Anlagealternative zu anderen Sparformen, doch sollte man auch jetzt nicht die Augen vor möglichen Risiken verschließen und ruhig ein wenig auf Sicherheit achten – oder sich wenigstens vornehmen, seinen Rentenbestand ständig unter Kontrolle zu behalten.

Welche Faktoren haben in den letzten Wochen das "Wunder am Rentenmarkt" herbeigeführt? Der Kapitalhunger der öffentlichen Hände hat stark nachgelassen. Der Bund braucht in diesem Jahr nur noch Neukredite von neun Milliarden Mark, unter Berücksichtigung der Tilgungen sogar "echt" nur noch 5,5 Milliarden. Auch die Länder haben sich weitgehend bis zum Jahresende finanziert. Wegen der guten Kassenlage hat Bundesfinanzminister Apel sogar darauf verzichtet, einen ihm von Schweizer Banken eingeräumten Kassenkredit in Anspruch zu nehmen.

Ausländer haben kräftig auf Mark lautende Titel erworben. Dies hängt nicht unbedingt mit der gegenwärtig im Gange befindlichen "Aufwertungsspekulation" zusammen. Die Ausländer sind der Ansicht, daß in der Bundesrepublik die Inflationsbekämpfung – wie in den USA und besonders in der Schweiz – mit Erfolg betrieben wird. Das muß sich zwangsläufig in festen Wechselkursen gegenüber den Währungen der "Inflationsländer" niederschlagen. Die Ausländer fühlen sich auch langfristig in der Mark gut aufgehoben. Wie hoch ihre Nachfrage nach Mark-Titeln ist, kennzeichnet die Aussage eines Großbankiers: "Die letzten öffentlichen Anleihen hätten wir sofort allein im Ausland plazieren können."