Dies war geschehen: An einem frühen Februarabend erschien ein Hauptkommissar auf dem malerischen Hauptmarkt, wo im Schatten von Sebaldus- und Frauenkirche auch heute noch Obst und Gemüse angeboten werden. Die uniformierte Staatsgewalt verfügte, daß stehengebliebene Tische "wegmüssen". Die Marktfrau Gunda Herbst fragte den Beamten, ob er das angeordnet habe. Und als der dies bejahte, meinte die Gunda: "Das hast Du ja gar nicht zu bestimmen,"

Der Kommissar verbat sich die vertrauliche Anrede: "Ich bin doch nicht mit Ihnen verheiratet." Darauf die Marktfrau: "Dich möcht ich net amal g’schenkt." Und: "Zum Herrgott sag ich doch auch Du." Doch der liebe Gott ist kein Kommissar, und schon gar kein Hauptkommissar, der seine Beamtenehre befleckt sieht. Und so kam es zu Anzeige und Prozeß.

Nun muß man wissen, daß Gunda Herbst eines der letzten Originale auf Nürnbergs historischem Hauptmarkt ist – sieht man vom Schönen Brunnen einmal ab. Sie verfügt nicht nur über eine vom Schicksal bescherte platzbeherrschende Figur, sondern auch über ein ehrfurchtsgebietendes Mundwerk, das kein Zögern kennt.

Sie stammt vom Land, "wo jeder zu jedem Du sagt." Und so hält sie es auch auf dem Markt, und kein Kunde hat sich bisher beschwert. Auch Dieter Borsche, der Wahl-Nürnberger, ist sich da nicht zu schade, und er fragt sie: "Na, Gunda, was hast denn heut’ Schönes für mich?"

In diesem Sinn verteidigte sich die Marktfrau auch vor den Schranken der Justiz: "Das wird doch keine Beleidigung sein." Und schon sah es nach einem versöhnlichen Ende aus, als der Richter eine Entschuldigung anbahnen wollte. Doch er hatte seine Rechnung ohne den Hauptkommissar gemacht. "Ich nehme eine Entschuldigung nicht an", erklärte er lakonisch.

Also mußte der Richter richten. Für Mitteleuropäer sei ungewolltes ‚,Duzen" ehrenrührig, sagte er. Es beeinträchtige das Persönlichkeitsrecht. Und dann wurde die Gunda geschätzt: Man verurteilte sie zu 15 Tagessätzen mal 150 Mark, also 2250 Mark. "Armes Deutschland", sagte Gunda Herbst.

Wer die Marktfrau kennt, wird freilich wissen, daß dies nicht ihr letztes Wort sein konnte. Gleich nach der Urteilsverkündung leitete sie die Berufung ein.