ZDF, Sonntag, 12. September: "Dr. W. – ein SS-Arzt in Auschwitz" von Rolf Orthel

Die Technik ist bekannt: Man rekonstruiert das Leben eines Menschen, der selbst nicht auftritt, mit Hilfe von Zeugen-Aussagen. Die Mitte bleibt ausgespart, an den Rändern werden Spiegel aufgestellt: Spiegel, die die Bedeutung von Abbildern haben, deren Funktion es ist, am Ende das Bild selbst, in unterschiedlicher Brechung, sichtbar zu machen.

So war es auf den ersten Blick auch dieses Mal: Betroffene sprachen über einen Mann, der sich kurz nach dem Ende des Krieges erhängt hat, den Standortarzt von Auschwitz Eduard Wirths. Ankläger und Verteidiger, Sachverständige und Zeugen, Komplizen, Opfer und Unbeteiligte beschrieben das Erscheinungsbild eines Mannes, der unter den Henkern ein Sonderling war: ein Mörder, der Häftlingen half und zur Lager-Organisation geheime Verbindungen hatte. Ein Arzt, der sich freiwillig zu Selektionen und Erschießungen meldete, um einigen Wenigen das Leben zu retten. Ein "SSer" (wie ihn die Holländer nannten), der Tausenden zum Tode, aber auch Dutzenden zum Leben verhalf. Was für ein Mensch war das? Ein Opportunist, der, um seiner Karriere willen, einen Weg eingeschlagen hatte, den er nicht mehr zurückgehen konnte? Einer, der, dem Befehl seines Vaters folgend, ausharrte, weil er – in der Lage, in der er sich nun einmal befand – angeblich nirgendwo so viel Nützliches tun konnte wie ausgerechnet in Auschwitz? Was hat er gedacht, dieser Dr. Eduard Wirths, der ins Konzentrationslager ging, obwohl er, wie die Zeugen-Aussagen vermuten ließen, ohne Gefahr für Leib und Leben hätte "nein" sagen und sich an die Front melden können?

Der Fall blieb offen, der Mann, ein Mörder, der ein ganz klein wenig Gutes tat, ohne Kontur. Aber das war, anders als in vergleichbaren Filmen, ohne Belang. Hier kam es nicht auf den Gespiegelten: hier kam es auf die Spiegel an. Hier wurde nicht nach dem Mann von gestern, sondern nach seinem Schatten von heute gefragt: Wie leben diejenigen, hieß das Problem, deren Existenz er geprägt hat – die Opfer, denen er als Riese vor dem Lager erschien, der, hoch über aller Kreatur, seine Richtsprüche fällte? Die Opfer, die, als sie ihn sahen, davon träumten, wie schön es sei, ein Grashalm oder ein Vogel zu sein. Und wie lebt der Kollege von damals, der in gespenstischer Emphase eine Ära beschwor, in der die Ärzte, wie er sagte, eine Gelegenheit hatten, wie sie in Jahrtausenden nur einmal vorkomme: die verwegensten Experimente ausführen zu können und dennoch ein gutes Gewissen behalten zu dürfen ("Denn die Menschen waren ja auf jeden Fall zum Tode verurteilt.") Oder wie leben – die bewegendsten Szenen des Films – die Frau und die Kinder des Toten? Sie, die den Mann schuldig sprachen, ohne ihn bloßzustellen; sie, die in einem Akt des Zu-Ende-Denkens von Undenkbarem sich von seinem Tun distanzierten, ohne ihn an den Pranger zu stellen; sie, die "er war ein freundlicher Vater" sagten und dennoch realisierten, was dieser Vater für die Kinder bedeutete, die er von der Rampe aus in die Gaskammer schickte.

Nein, hier ging es nur sekundär um einen Mann namens Eduard Wirths; hier wurde an einem Einzelfall gezeigt, wie lebendig das Erbe des Faschismus noch ist: wie man’s verdrängen kann – makaber die Bilder von den Dorfbewohnern, die, Ärgernisse befürchtend, sich den Fragen nicht stellten: "Ich hab’ zu tun", "Die Wirths sind alle vortreffliche Leute", "Unsere Feinde waren auch nicht besser als wir" –, und wie wahre Trauerarbeit aussieht : Trauerarbeit, wie sie die Frau und ihre Kinder leisteten, als sie den Toten aus der Perspektive der Opfer anschauten – aber ihn nicht richteten.

Man sollte diesen Film, der, da er das Damals im Heute aufzeigt, tausend Dokumentationen über die dreißiger Jahre aufwiegt, in allen Schulklassen zeigen: seine Offenheit wird provozierend wirken und jeden zwingen, Stellung zu nehmen – so oder so. Momos