Von Reinhardt Stumm

Da liegt das neue Buch, das ich besprechen werde. Es ist graublau außen herum, das große Titelbild stellt eine Schneelandschaft dar mit vielen kahlen Bäumen, zwischen den Stämmen hängt eine ganz, ganz dünne Mondsichel. Der aufgedruckte Text gibt bekannt, worum es sich hier handelt –

Urs Widmer: "Die gelben Männer"; Roman; Diogenes Verlag, Zürich, 1976; 188S., 19,80 DM.

Es ist elf Uhr vormittags bei mir. Aus den offenen Fenstern der umliegenden Küchen dringt schon verführerischer Essensduft. Ich muß mich beeilen, um fertig zu sein, wenn die Mittagsstunde schlägt. Ich wasche mir die Hände und schneide mir die Fingernägel kurz, weil ich das Tippen sonst als unangenehm in den Nagelbetten spüre. Ich lese das Buch. Dann sortiere ich das Papier zum Schreiben, das weiße oben, das Kohlepapier in der Mitte, das Durchschlagpapier unten. Ich lege all das neben der Schreibmaschine bereit, was ich brauchen werde, also Tipp-Ex, Büroklammern, Bleistift, drei saubere Pfeifen (das muß reichen), den Tabaksbeutel, ein Glas mit kaltem Orangensaft. Dann muß ich die Tischlampe richten, weil es ohne Kunstlicht schon zu dunkel ist zum Schreiben, der Sommer ist ja vorbei. Dann setze ich mich zurecht, den schwierigsten Teil meiner Arbeit habe ich schon verrichtet. Ich reibe mir die Hände, jetzt kann es losgehen.

Verschiedene Probleme tauchen freilich gleich auf. Widmer behauptet so. manches, was der Nachprüfung bedarf. Daß gleich am Stadtrand von Basel Felsklippen steil aufragen, über denen Möwen kreischend segeln, kann ich nachkontrollieren, ich brauche nur aus dem Fenster zu schauen. Daß die Japaner heute schon mit eingebauten Photoapparaten herumlaufen, ist eine andere Sache. Abends ziehen sie den belichteten Film aus einer Körperöffnung, die uns vor allem als Schimpfwort dient, und schauen nach, wie der Tag gewesen ist. Das muß ich vor Ort kontrollieren. Ich buche also einen Flug nach Tokio, vergewissere mich (es stimmt) und kehre wieder an meinen Tisch zurück. Die Zeit ist etwas fortgeschritten, aber bis zum Essen werde ich es schon schaffen.

Wie aber, denke ich mir in der mich umgebenden Stille und während das Rauschen und Knacken in meinen Ohren langsam abnimmt (der Fernostflug ist daran schuld), wie aber werde ich dem Leser dieser Zeilen deutlich machen können, daß ich auf hinterlistige Weise die Widmerschen Erzählmethoden nachzuahmen versuche beim Schreiben dieser Besprechung?

Ganz einfach: Ich muß nur erklären, daß sich der groteske Realismus des Auslandsschweizers Widmer so am besten anschaulich machen läßt. Wenn man ein Widmer-Œuvre in die Finger kriegt – ob es nun "Die Forschungsreise" heißt wie vor Jahren oder "Schweizer Geschichten" wie letztes Jahr oder "Die gelben Männer" wie eben jetzt – dann verläßt man die Bereiche des sinnfällig Konkreten und begibt sich in jene des abstrakt Konkreten. Mit anderen Worten: Widmer pflegt eine Gattung Literatur, die sich die Deutschen mit wenigen Ausnahmen immer verboten haben, weil sie ja einen Auftrag zu erfüllen haben, weil sie ein Engagement zeigen müssen, weil sie die Säulenstümpfe drechseln, auf denen dereinst das veränderte Bewußtsein der Nation ruhen muß. Widmer hingegen ist ein Spinner, der sich um all das nicht kümmert. Er fabuliert drauflos, daß einem die Ohren sausen, erfindet Wirklichkeiten, die es gar nicht geben kann, und verkauft sie, als hätte es nie andere gegeben.