Das sind allesamt kraftstrotzende Kerle, die auf Bestellung so aussehen können, als wollten sie einem nur die Wahl lassen, entweder die Brieftasche herzugeben oder das Leben. Das Abenteuer, diesen herrlich brutalen Wesen – nur durch einige Ringseile getrennt – nahe zu sein, bietet sich zur Zeit allabendlich auf dem Hamburger Heiligengeistfeld an. Und für die Zuschauer geht es dabei nicht ums Leben, sondern nur ums Portemonnaie. Catch-as-catchcan nennt man das, oder einfach Catch.

Handgreiflichkeiten im Ring sind garantiert, wobei der vollkommene Schurke zweifellos mit einer viel größeren Anteilnahme des werten Publikums rechnen darf als der vollkommene Sportler. Und so stehen sie nun nebeneinander unter den Jupiterlampen im Ring; und schon das Begrüßungszeremoniell macht deutlich, daß hier keine Konkurrenz europäischer Schönheiten stattfindet, sondern ein Rollenspiel mit Bösewichtern und solchen, die sich der Bösewichter zu erwehren haben.

Da ist also der "Weltmeister" aus Frankreich, René Lasartesse. Ein hochintelligenter Mann, wie man nachher beim Bier, im privaten Gespräch, feststellt. Aber im Ring spielt er den stelzbeinigen Schurken Nr. 1 gerade so, als hätte er nichts anderes im Sinn, als Hinterhältiges aus Dummheit zu begehen. Natürlich sind alle gegen ihn, das hübsche Mädchen in der ersten Ringreihe ("Mach ihn nieder") genauso wie der kleine Dicke in der Reihe dahinter, der verlangt, daß man dem Weltmeister "den Kopf abreißen" möge.

Da ist der "Häuptlingssohn", Indio Guajaro, mit Löwenmähne und Wohlstandsbauch. Würde er kein Ringkämpfertrikot tragen, man hätte vermuten dürfen, er könnte Chopin spielen. Aber der Löwe wird nun einmal – in freier Wildbahn – nicht wegen seiner Mähne, sondern wegen seiner Kraft gefürchtet; und da leistet der Häuptlingssohn aus Kolumbien immerhin allerhand.

Da ist einer, Gabriel Calderon aus Frankreich, der dem Ehrgeiz verfallen ist, sich so anzuziehen, als hätte er Dior in der Tasche. In einen Seidenmantel gehüllt schreitet er gemessen über den staubigen Ringboden, offensichtlich immer ein wenig erstaunt darüber, daß keine Prinzessin kommt, um ihm ein Küßchen auf die Wange zu hauchen. Aber im Ring ist er ein Grobian, der zweimal die gelbe Karte (Verwarnung) erhält und disqualifiziert wird. "Elfmeter", kommt der Zuruf aus dem fußballkundigen Publikum.

Dicker Tabak- und Zigaretten-Rauch hängt wie ein wehendes Geisterlaken um die Ringlampe. Die Leiden und Taten der Helden zwischen den Seilen sind ihr Geld wert. Und selbst die Frauen, diese bezaubernden Aktivposten in Ringnähe, schreien dankbar auf, wenn es dem René Lasartesse – "Eierkopf" nennen ihn die Hamburger – an den Kragen geht.

Und während ein anderer Catcher im Würgegriff seines egoistischen Gegners mit schmerzverzerrtem Gesicht nach Luft schnappt, kommt der Zuruf aus dem Publikum: "Auch während der Arbeit kann man lächeln." – Auf das Publikum kommt es an.