Von Theo Sommer

Ganz plötzlich ist das südliche Afrika zur Arena der Völker geworden. Asien, dessen künftige Gestalt während des Vietnamkrieges die Welt bewegte; der Nahe Osten, der dreimal in den letzten dreißig Jahren die Weltmächte gegeneinanderstellte; Europa, das eine ganze Generation lang die gefährlichste Konfliktzone der Welt war – sie alle sind in den Hintergrund gerückt. Heute und in absehbarer Zeit steht das Schicksal Afrikas auf dem Spiel. Niemand vermag zu sagen, wie es dort in fünf oder zehn Jahren aussehen wird. Dabei geht es gleichzeitig um ganz verschiedene Dinge.

Zum ersten geht es um Erbstücke des großväterlichen Kolonialismus wie Namibia, dem einstigen Deutsch-Südwestafrika. Dort haben die weißen Herren des Landes inzwischen wohl eingesehen, daß die Kolonialzeit Vorüber, die Ära schwarzer Mehrheitsherrschaft angebrochen ist. Die "Turnhallenkonferenz" von Windhuk bereitet das Land nach vielerlei internationalem Druck auf die Unabhängigkeit vor. Die Frage ist nur, ob die militanten Führer der Swapo dabei mittun wollen.

Anders sieht es in Rhodesien aus. Dort ist die weiße Minderheit mitnichten bereit, die Macht an die schwarze Mehrheit abzutreten. Zudem sind die Schwarzen gespalten und zerklüftet. Da mögen sich Amerikaner und Briten noch so einig sein, daß man den weißen Rhodesiern ein finanzielles "Sicherheitsnetz" knüpfen müsse; da mag auch Südafrikas Premier Vorster sich versucht fühlen, sein Land nach dem Motto aus der Affäre zu ziehen, "Die Wölfe heulen, einer muß vom Schlitten" – die weißen Rhodesier spielen bisher nicht mit. Sie wollen sich weder kaufen noch durch Guerilla-Aktionen erpressen lassen.

Südafrika selbst ist wiederum ein völlig anderes Problem. Vorster denkt nicht im Traum ans Nachgeben – das hat er in einer Rede zum zehnten Jahrestag seiner Regierungsübernahme abermals amtlich gemacht. Er findet die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen in seinem Land ausgezeichnet – und die Politik der Apartheid ein gelungenes Experiment. Einen Grund, den Schwarzen in wesentlichen Dingen entgegenzukommen, sieht er nicht. In Kleinigkeiten, jawohl; aber zu mehr als einer neuen Schaufensterdekoration ist er nicht bereit. Nichts liegt Vorster ferner als der Gedanke, die politische Macht mit der farbigen Mehrheit zu teilen.

Mittlerweile dauern die Unruhen in Südafrika an. Von Soweto haben sie auf Kapstadt übergegriffen, von den Schwarzen auf die Mischlings, von plündernden farbigen Hooligans auf achtbare farbige Bürger – wie die arretierte schwarze Miss South Africa oder den inhaftierten Arzt van der Poel, der sein Mitgefühl mit den Opfern der jüngsten Zusammenstöße öffentlich bekundete, oder die 300 seiner Kollegen, die sich nach seiner Verhaftung mit ihm solidarisierten. Am Horizont droht der Bürgerkrieg: ein Rassenkrieg.

Henry Kissinger, der Anfang dieser Woche zu seiner afrikanischen Vermittlungsmission aufgebrachen ist, muß sich angesichts dieser vielfältigen Schwierigkeiten vorkommen wie ein Patrouillenreiter auf vermintem Gelände. Schon ehe er seine Reise antrat, hat er seinen Ehrgeiz auf ein Minimum zurückgestutzt. Er nannte das afrikanische Problem das "prozedural schwierigste meiner Karriere". Mehr als einen "Rahmen für Verhandlungen" traut er sich zu zimmern nicht zu. Ein Ergebnis der Verhandlungen wagt er schon gar nicht vorauszusagen.