Von Alexander Schwan

Ins dritte Jahr geht nun schon eine zweimonatlich erscheinende Taschenbuchreihe, die

Herderbücherei INITIATIVE, hrsg. von Gerd-Klaus Kaltenbrunner; Verlag Herder, Freiburg; je Band 192 Seiten, 9,90 DM, im Abonnement 7,90 DM,

die seit dem Sommer 1974 "Signale einer Tendenzwende auf allen Gebieten des geistigen und gesellschaftlichen Lebens dokumentieren und auch setzen soll. Den "Illusionen" reformpolitischer oder gar kulturrevolutionärer Emanzipations- und Demokratisierungsstrategien sollte eine klare, aber begründete und detailliert ausgewiesene "Absage" erteilt werden. Inzwischen hat die Herderbücherei unübersehbar dazu beigetragen, der Überflutung des Büchermarktes mit linker Literatur Einhalt zu gebieten.

Die Einzeltitel sprechen für sich: 1. Plädoyer für die Vernunft – Signale einer Tendenzwende; 2. Klassenkampf und Bildungsreform – Die neue Konfessionsschule; 3. Die Herausforderung der Konservativen – Absage an Illusionen; 4. Radikale Touristen – Pilger aus dem Westen, Verbannte aus dem Osten; 5. Sprache und Herrschaft – Die umfunktionierten Wörter; 6. Zur Emanzipation verurteilt – Der Preis unserer Mündigkeit; 7. Der überforderte schwache Staat – Sind wir noch regierbar?; 8. Die Zukunft der Vergangenheit – Lebendige Geschichte, klagende Historiker; 9. Das Gehäuse des Menschen – Selbstverwirklichung im Spannungsfeld der großen Institutionen; 10. Überleben und Ethik – Die Notwendigkeit, bescheiden zu werden; 11. Die Macht der Meinungsmacher – Die Freiheit, zu informieren und informiert zu werden; 12. Der Apparatschik – Die Inflation der Bürokratie in Ost und West; 13. Bereiten wir den falschen Frieden vor? – Vom Gestaltwandel internationaler Konflikte.

Umfassende Übersichten über weiterführende Literatur und eher sporadische "Dokumentationen" ergänzen jeweils die Aufsätze. Unter den Autoren finden sich neben den Wortführern des Neokonservatismus (wie Kaltenbrunner, Armin Möhler, Ernst Topitsch, Erik von Kuehnelt-Leddihn, Günter Zehm oder Klaus Hornung) auch renommierte Wisssenschaftler vom rechten Flügel der SPD (Hermann Lübbe, Thomas Nipperdey, Heinz-Dieter Ortlieb, Gottfried Eisermann und Werner Becker), dazu eine respektable Reihe parteipolitisch oder weltanschaulich nicht fixierbarer Publizisten, Pädagogen, Systemforscher, Naturwissenschaftler und so weiter. Dieses relativ breite Spektrum politischer Meinungen, theoretischer Ansätze und wissenschaftlicher Disziplinen versucht der Herausgeber in jedem Band zu umschreiben und nach Konvergenzen abzuleuchten. Kaltenbrunners Essays gehören zum Luzidesten dessen, was die Herderbücherei zu bieten hat. Sie formen die Reihe zu einer Publikationsfolge von prägnanter geistespolitischer – eben neokonservativer – Fasson.

Die "Tendenzwende" soll sich nicht als Seifenblase, als Modeerscheinung, sondern als "Tiefen-Strömung" erweisen. Sie resultiert, wie der Soziologe Walter Hildebrandt darzutun sich bemüht, aus einer konservativen Revolution von unten, einer "Revolution der Aufgeklärten", der durch Aufklärung mündig gewordenen Bürger gegen die freiheitsfeindlichen, in Erziehungsdiktatur gipfelnden Konsequenzen eben dieser Aufklärung. Solche Konsequenzen sind die übersteigerten, absolut gesetzten Emanzipations- und Fortschrittsideologien, die "über die Bürger hinrollenden Wellen undurchsichtiger Reformen" und die "ins Unermeßliche gestiegene Dichte der Informationen, die in ihrer brutalen Widersprüchlichkeit einem absurden Theater gleichen". Auf die Orientierungs- und Haltlosigkeit der pluralistischen Massengesellschaft und die rastlose Expansion der Technik antwortet das Individuum mit dem gleichsam naturhaften und doch durchaus bewußten Begehren nach sinnlich anschaulichen, faßbareren Methoden, Gegenständen, Fragen; es wendet sich zurück zu vertrauten Räumen der Nachbarschaft, zu zwischenmenschlicher Partnerschaft, es macht eine konservative "Kehre" zur Wohnlichkeit.