Von Ernst Wendt

Seit einiger Zeit ist es in Mode gekommen, sich von Thomas Bernhards neuen Büchern oder Theaterstücken belästigt zu fühlen. Die deutsche Theaterkritik hat herausgefunden, daß in den Stücken Thomas Bernhards die immergleichen Themen. ermüdend ausführlich und auf durchaus reaktionäre Weise wiedergekäut werden und daß soviel penetrantes Todes- und Krankheits- und Verfalls-Gerede uns nichts angehe. Die Kollegen von der Literaturkritik, nicht ganz so fix den neuen Reizungen hinterherrennend, haben ihn noch nicht ganz abgeschrieben, aber sie sind über den letzten beiden Büchern ("Das Kalkwerk" und "Die Ursache") doch merklich zurückhaltend geworden; in der Regel haben schon nicht mehr die sogenannten "ersten" Kritiker über diese Bücher geschrieben, sie werden sich also ebenfalls wohl angeödet gefühlt haben; sie haben die Rezensionsarbeit den "Spezialisten" überlassen. Und das ist allemal ein sicheres Indiz, daß ein Stern im Kulturbetrieb ins Sinken geraten ist.

Im zweiten Band seiner Jugenderinnerungen –

Thomas Bernhard: "Der Keller – Eine Entziehung"; Residenz Verlag, Salzburg, 1976; 168 S., 24,– DM

liefert er selber einen knappen, hochfahrendaggressiven Kommentar dazu: "Um die Moder zu überstehen, ist die Isolation und die Unbeirrbarkeit des Geistes die einzige Rettung. Wie viele Geistesmoden sind schon an mir vorbeigegangen. Die gemeinen Resteverwerter sind immer am Werk. Aber die mit ihren Ausverkaufsprodukten den Markt beherrschen, sind leicht erkennbar, sie treten sich mit der Zeit ganz von selbst in den eigenen Schmutz. Der Überlebende muß sich einen günstigen Winkel im Abseits schaffen für seine Eroberungen. Die Luft ist dünn, aber ich bin sie gewohnt."

Zumindest der letzte dieser Sätze ist hochmütig, abweisend; ein Satz, der auf Kommunikation verzichtet, sie eher zurückweist. Jedenfalls kann man ihn so lesen, und dann ist er einer von den Sätzen, die seine Kritiker Thomas Bernhard übelnehmen. Das Bekenntnis zur Isolation, zur Eigensinnigkeit wirkt, wenn es so rücksichtslos und unfreundlich und immer wieder formuliert wird, leicht wie eine eitle Maske. Von sich selbst zu sprechen, erscheint plötzlich als unfein, wenn einer es auf so radikale, selbstgerechte Weise tut. Merkwürdig: in dem Augenblick, da Subjektivität, Innenbetrachtung und sensible Nabelschau in den Künsten wieder erlaubt sind, macht ausgerechnet einer, der seit Jahren nichts anderes aufschreibt als seine private, störrische Welt-Erfahrung, sich verdächtig. Das kann also nicht an der Methode, es muß an den Erfahrungen selber liegen, die zur Kenntnis zu nehmen Thomas Bernhard uns zumutet. Am zweiten Band über seine Jugend in Salzburg läßt sich das überprüfen.

Der Bericht . setzt ein an dein Morgen, als der Gymnasiast sich durch einen spontanen, wütendirrationalen – aber für die spätere Entwicklung doch vernünftigen – Schritt allem, was er hassen gelernt hat, entzieht, indem er einfach "in die entgegengesetzte Richtung" geht. Und das wortwörtlich: er macht kehrt mitten auf dem Schulweg, er wechselt die Richtung und damit die Straßen und damit die Menschen und damit die Erfahrung und damit den Weg des eigenen Lebens: "Ich hatte nur eine Kehrtwendung machen müssen auf der Reichenhallerstraße... nicht mehr in das gehaßte Gymnasium, sondern in die mich rettende Lehre." Er schneidet sich, ganz schlicht auf der Straße "in die entgegengesetzte Richtung" gehend, von allem ab, was ihn zu vernichten droht, worunter er leidet und wodurch er sich selbst zu verlieren scheint. Er geht, um eine Zukunft zu haben, in ein anderes Viertel der Stadt: in das den "wilden Gärten" und den "kunstvollen Villen" entgegengesetzte Viertel, in "das absolute Schreckensviertel der Stadt", in die Scherzhauserfeldsiedlung, den tagtäglichen fürchterlichen Schönheitsfehler Salzburgs".