Von Horst Bieber

Vorerst ist die portugiesische Revolution in die ruhigeren Fahrwasser der parlamentarischen Demokratie eingemündet – unter sozialistischer Führung. Mario Soares, einer der Helden der ersten Stunde, zeitweise Außenminister, zeitweise ohne Geschäftsbereich im Kabinett, heute Ministerpräsident, ist der unbestrittene Sieger jener zwei turbulenten Jahre. Für die Sozialisten sicherlich ein Grund zum Jubel – aber kein Anlaß, bei aller Freude zu vergessen, wie haarscharf das wild umherschlingernde Staatsschiff Portugals an den Klippen einer linken Diktatur vorbeisteuerte.

Erst recht war Portugal kein "Testfall". Daß die Militärs ihren Schwur einhielten, die Macht an demokratisch gewählte Organe abzugeben, grenzte schon an ein Wunder, und daß die besonneneren Offiziere die Oberhand behielten, mag von der Haltung der Sozialistischen Partei (PS) begünstigt worden sein – erzwungen hat sie es nicht.

Dieses nachträgliche Versimplifizieren ist das größte Manko des Buches von:

Friedhelm Merz/Victor Cunha Rego: "Freiheit für den Sieger. Testfall Portugal"; mit Beiträgen von Mario Soares, Willy Brandt, Bruno Kreisky; Schweizer Verlagshaus, Zürich 1976; 310 S., 19,80 DM.

Natürlich ist vieles entschuldbar; schließlich wollten sich die Sozialisten in diesem Band möglichst günstig darstellen (was ihnen auch gelungen ist). Wichtige Dokumente der Revolutionsjahre sind abgedruckt – so der Verfassungspakt zwischen Streitkräftebewegung und Parteien (7. April 1975), der die Vormacht der Offiziere auf Dauer zu besiegeln schien, und das Dokument der "neun" (Offiziere), veröffentlicht am 7. August 1975, mit dem die Gemäßigten den – schließlich siegreichen – Kampf gegen die prokommunistischen Kameraden aufnahmen. Veröffentlicht sind schließlich auch Dokumente und Aussagen zur Haltung der Sozialisten (wobei die parteiinternen Spannungen ausgespart sind), die nun mit Aufmerksamkeit gelesen werden wollen, und besonders mit Blick auf das, was sie nicht enthalten.

Drei Komplexe erscheinen besonders beachtenswert: Außenpolitik, Wirtschaftspolitik, Koalitionsbildungen.Die "Bewegung der dreizehnjährigen Streitkräfte" hatte ihren Putsch mit dem Kolonialkrieg begründet. Die neue Außenpolitik setzte sich also das Ziel, den afrikanischen Krieg so rasch wie möglich zu beenden – was de facto darauf hinauslief, sich so schnell wie möglich aus den Kolonien zurückzuziehen – zwangsläufig eine Entkolonisierung. Doch wurden "jene bleibenden Interessen Portugals gewahrt, wie Mario Soares behauptet? Gab es wirklich keine Chance, einen Modus vivendi mit den Befreiungsbewegungen zu finden? Waren der angolanische und der – noch andauernde, aber kaum beachtete – Kampf in Osttimor gegen die indonesische Okkupation unvermeidlich? Verständlich, daß die kriegsmüden Soldaten die Flinte ins Korn werfen wollten – aber mußten die Politiker nicht gegenhalten? Soares behauptet, das sei unmöglich gewesen; schließlich wäre es nur auf eine Verteidigung weißer Privilegien hinausgelaufen. Ein Blick auf die angolanischen Wirtschaftsprobleme von heute weckt Zweifel.