Von Heinrich Böll

Wie soll ich einem Buch gerecht werden, das sich als Autobiographie und Roman zugleich vorstellt, von einem Autor aus der DDR, der offenbar viel geschrieben und publiziert hat und sich,– wohl aus gutem Grund – hinter einem Pseudonym aufhält?

Carl-Jakob Danziger: "Die Partei hat immer recht – Autobiographischer Roman"; Werner Gebühr Verlag, Stuttgart, 1976; 258 S., 24,–DM.

Da ich nicht detektivisch vorgehen und herausfinden will, wer das ist, was er geschrieben hat (das gehört ja bei einem Autor zur Biographie!), bleibe ich, und finde das ganz heilsam, im Grenzland zwischen Fiktion und deren Gegenteil hängen, hängen auch im Grenzstreifen zwischen DDR und Bundesrepublik, nicht gerade zwischen Minen und Selbstschußanlagen, vielleicht aber mit einem Knopfloch im Stacheldraht. Es weiß einer ja nie, was er anrichtet, wenn er Grenzen überschreitet, an denen nicht nur (etwa in die Luft!) geschossen, sondern auch gezielt und getroffen wird. Vorsicht ist geboten, auch wenn der Autor solche beiseite läßt und im Vorspruch schreibt: "Alle dargestellten Situationen in diesem Buch basieren auf eigenen Erfahrungen und Erlebnissen; gewisse Freiheiten im Umgang mit Personen und Schauplätzen erwiesen sich als unvermeidlich. Die subjektiven und gelegentlich auch einseitigen Urteile sind keine Fehlleistungen, sondern Absicht."

Gehe ich also "naiv" an die Lektüre, entdecke ich zunächst einen Helden, dessen Naivität mich in Erstaunen versetzt. Hat er nicht schon 1951, ein Jahr, nachdem er aus Israel in die soeben installierte DDR zog, geahnt, wohin das alles führen, wie das enden könnte? Nein, lassen wir ihm die Hoffnung, die so oft mit Illusion verwechselt wird, die Hoffnung eines Sozialisten, der mit einer gewissen Bitterkeit Israel verläßt, und ich schlage mich bereitwillig an die Autorenbrust und frage mich, wie naiv ich 1951 gewesen sein muß, weil ich nicht ahnen konnte, daß sich 1976 die Folgen eines 1972 ergangenen Radikalenerlasses wie eine Lähmung übers Land legen würden.

Was dem einen die Penetranz der frisch konvertierten Mustersozialisten, sollte dem anderen die Penetranz der frisch konvertierten deutschen Musterdemokraten sein dürfen, und es gibt da beim Danziger auf Seite 186 einen Satz, der treffen könnte: "Denn seitdem (seit 1955 die sowjetischen Redakteure der ‚Täglichen Rundschau’ abgefahren waren) war ich auf die Deutschen angewiesen, auf ihre übelste Provinz, die preußische (o armer Fontane!), in der man alles kommandieren und organisieren zu können glaubte, auch die Kunst." Dann aber gibt Danziger zu: "Ich habe eine literarische Konditorei, Bestellungen auf Torten und bunte Schüsseln werden prompt entgegengenommen, solange noch ein Fünkchen Parteitreue in mir lebt, ist das nicht allzu schwer." Und an anderer Stelle: "Ich war das treueste Mitglied der Partei, obwohl ich keines war." Denn Parteimitglied ist er, nie geworden, obwohl er’s heftig begehrte. Intrigen, der Übereifer ehemaliger Nazis, eine winzige Unterschlagung in seinem Lebenslauf, geöffnete Briefe verhindern es, und an diesem Punkt – der Verbitterung über die Nichtzulassung zur Partei – bekenne ich mich unfähig zu begreifen, bei einem Autor, der offenbar eine Zeitlang ganz gut zurechtkommt. Danzigers schlimmste Sünde aber ist, daß er sich für Realismus und nicht für sozialistischen Realismus entscheidet, und da hilft ihm ehrenwerterweise auch seine Konditorbegabung nicht. Schon bei seiner ersten größeren Buchpublikation, einer Reportage über einen Großbetrieb, bekommt er jene Wirklichkeitsverleugnung zu spüren. Was er da herausgefunden, aufgespürt, aufgeschnappt hat und was nicht publiziert wird, ist genau die Stimmung, die zum 17. Juni 1953 geführt hat, soweit er aus der inneren Krise der DDR entstand. Daß diese Krise von außen geschürt, von Provokateuren, Aufheizern und Aufladern zum Sieden gebracht wurde, auch das ist in Danzigers Buch zu finden, und er findet das auch im Jahre 1976 noch so wenig erfreulich wie 1953.

Ich muß wiederholen: Ich weiß nicht, wer sich hinter dem Pseudonym Danziger verbirgt, ich kenne keine einzige Publikation dieses Autors außer dieser, und mir scheint, daß es letzten Endes dieser Unterschied zwischen realistisch und sozialistisch-realistisch ist, an dem Danziger scheitert: Es gibt offenbar eine Grenze, eine sprachliche Grenze (ein Sprachgewissen könnte man es nennen), an der auch jemand scheitert, der gewiß hin und wieder bereit war, sich aus sozialistischer Überzeugung zu beugen und anzupasssen. Gerade weil er "parteitreu", weil er Sozialist ist, möchte Danziger doch die Parteiführung informiert darüber wissen, was so im Lande vor sich geht, was gedacht, getan wird, wie übereifrige Opportunisten sich einrichten. Eine realistische Literatur würde der Führung der DDR ja Strömungen und Stimmungen im Lande zeigen, die nicht unbedingt von "faschistischen Agenten" eingeschleppt sind, die möglicherweise im System selbst ihre Ursache haben. Die hagiographische Folienliteratur vergoldet ja die Probleme, und durch Lektoren und Ideologen gebilligte Kritik ist ja keine mehr, sie ist noch verlogener als offene Erbauungsliteratur. Und was die Aufpasser betrifft, kann der Mauerbau ja keine Erleichterung gebracht haben. Wenn Danziger schreibt: "Ich machte die Beobachtung, daß es immer die schärfsten und suggestivsten Richter über ihre ungenügend parteitreuen Bürger waren, die schon die Koffer gepackt hatten", und interpretiert man diese Feststellung vom Datum des Mauerbaus bis in die unmittelbare Gegenwart, dann kann sich einer ausrechnen, wieviel "schärfste und suggestivste Richter" in ungepackten Koffern blinde Ergebenheit und Denunziation verbergen. Ein weiteres Zitat: "Die Fähigkeit der deutschen Partei, aus Freunden Feinde zu machen, ist staunenswert".