Ich bin ein leidenschaftlicher Schloßbesucher. Und es scheint, als ob die Zeit für mich und meinesgleichen arbeitet. Immer mehr Schloßherren erschließen ihr pflegeaufwendiges Gemäuer aus Geldnot für die Touristik: als Schloßhotel, Reiterhof, Museum, Sommertheater, Festmahlkulisse, Benimmseminar, Freizeitkloster, Spukgewölbe.

Kürzlich zum Beispiel erfüllte ich mir einen langangestauten Herzenswunsch und besuchte ein Schloß, das ich bis dahin nur von fern kannte, von dreidutzendmaligem Vorbeifahren in schnellen Zügen. Bei Nordstemmen südlich Hannover trutzt es so romantisch herüber von dem einzigen Bergbuckel in dem sonst ziemlich flachen und nüchternen Leinetal, daß es mir jedesmal in den Fingern kribbelte, als ob ich die Notbremse ziehen müßte;

Diesmal nahm ich einen Bummelzug, stieg in Nordstemmen aus, löste am Burgtor eine Eintrittskarte für zwei Mark fünfzig und folgte mit einigen anderen Neugierigen einem alten, wackligen, bedürftigen Männlein schräg über den Schloßhof in die Turmhalle. Der düstere Raum war mit alten Fahnen und allerlei Gerät aus Kriegs- und Friedenszeiten angefüllt, und obwohl niemand Lust verspürte, diesen Dingen näher zu treten, schreckte uns eine scharfe Kommandostimme auf mit der Warnung, daß das Berühren dieser Dinge verboten sei.

Die Stimme kam aus einem Kassettenrecorder, den das Männlein in den Händen hielt. Beim Weitergehen trug es ihn wie ein Kirchengesangbuch vor sich her und handhabte die Tasten so virtuos, daß wir in jedem Zimmer rechtzeitig den dazugehörigen Text in die Ohren geschmettert bekamen. Waren in einem Zimmer mehrere Objekte zu betrachten, so wies das Männlein textsynchron mit gestrecktem Arm mal nach links auf den Kamin und mal nach rechts auf das Porträt an der Wand, mit derselben pantomimischen Routine wie eine Lufthansa-Stewardeß, wenn sie zum Lautsprechertext der Kollegin stumm deutend den Gebrauch von Sauerstoffmasken erklärt.

Irgendwo auf dem Rundgang länger zu verweilen, war nicht möglich, selbst wenn es sich gelohnt hätte. Denn den Schluß der Filzpantoffelschlange bildete ein Knabe, der Lampen wieder auszuschalten, Türen wieder zu schließen und Säumige anzuspornen hatte.

Argwöhnische Blicke verfolgten mich, als ich nach Ende der Besichtigung in frischer Luft aufatmend auf dem Hof Ausschau hielt nach Sehenswertem. Da wäre die Schloßkapelle, doch die ist abgeschlossen, und ein Schild besagt, daß sie "nur kirchlichen Zwecken dient".

Als ich gar des Photoblickwinkels wegen in einen Torweg trat, hörte ich plötzlich Hundegebell, gefährlich nah und unmißverständlich. Spontan entschloß ich mich, mir nun das Schloß nur noch von außen anzusehen. Ich machte einen Außenrundgang längs der Parkmauer, jedoch war der Hangweg in so schlechtem Zustand, daß ich meine Augen statt der Umgebung dem Boden zuwenden mußte.