Von Jochen Greven

Angenommen, Sie, lieber Leser, seien ein Schriftsteller (vielleicht sind Sie es, insgeheim zumindest). Sie schreiben ein Buch, einen Roman vielleicht, eine Kritik des Gesundheitswesens oder auch einen Ratgeber für Eigenheimaspiranten. Der Geist hat Sie angerührt; vor allem aber, so zeigt sich wieder, ist das Schreiben eine Sache des Fleißes. Bei Ihnen geht es relativ flink, aber – Vorbereitungen, Überlegungen, Recherchen, Korrespondenzen, Denkpausen, Überarbeitungen, Abschriften eingerechnet – zum Schluß sind tausend Stunden konzentrierter Arbeit und noch einige Spesen in das Manuskript eingegangen. Ein Verleger nimmt das Buch an – seine Erfahrung sagt ihm, daß tatsächlich Leserinteresse dafür da sein könnte. Es wird in, sagen wir, viertausend Exemplaren gedruckt und bei 250 Seiten Umfang zu einem Preis von 25 Mark verkauft.

Die Buchhändlerin, die es nun über die Theke reicht, verdient vielleicht 13 Mark die Stunde. Die Provision des Verlagsvertreters, der es dem Buchhändler empfahl, ergibt ein beträchtlich höheres Einkommen. Die Packerin, die, es bei der Verlagsauslieferung versorgte, erhält wenigstens 8 Mark pro Stunde. Der Lektor, der Vertriebsmann, der Setzer, der Drucker – sie alle verdienen bei der Beschäftigung mit Ihrem Werk, was man eben so verdient heute, jedenfalls ein festes Gehalt samt bezahltem Urlaub und Sozialleistungen.

Und Sie, der Urheber – wie werden nun Ihre tausend Arbeitsstunden vergolten? Sehr einfach: zunächst einmal gar nicht. Vielmehr wird Ihnen eine Beteiligung an dem Umsatz angeboten, den der Verlag mit der Ware Buch erzielt, in die Ihre Phantasie und Arbeit eingegangen sind.

Die Tantieme beträgt in der Regel 10 Prozent vom Ladenpreis. Gelingt es dem Verleger, jene aufgelegten 4000 Exemplare auszuverkaufen, bekommen Sie also alles in allem 10 000 Mark und erreichen damit theoretisch den Stundenlohn des Fahrers Ihres Verlegers. Aber nur theoretisch: praktisch wird Ihnen dieses Geld erst auf der Basis jährlicher Abrechnungen im nachhinein und nochmals mit mehrmonatiger Verzögerung ausbezahlt; und um Ihren Urlaub, Ihre Krankenversicherung oder Ihre Altersversorgung kümmert sich einstweilen niemand (Ausnahme: die Altersversorgung der Bertelsmann-Hausautoren). Dafür sind Sie mehrwertsteuerpflichtig, als selbständiger Schriftstellereibesitzer.

Verkauft Ihr Verleger nun jedoch weniger als die genannte Auflage, und dies ist ja, zumal bei Büchern noch unbekannter Autoren, sehr oft so, dann liegt Ihr theoretischer Stundenlohn vielleicht nur bei fünf, drei Mark oder gar noch darunter.

Natürlich haben Sie andererseits auch die Chance, beim großen Gewinnen dabei zu sein. Sind Sie ein neuer Däniken oder Simmel, dann erreicht Ihr Buch vielleicht schon im ersten Jahr eine Auflage von einhunderttausend Exemplaren, läuft wahrscheinlich auch im zweiten und dritten Jahr weiter, Übersetzungen kommen dazu, Taschenbuchlizenzen, Buchgemeinschaftsausgaben ... Sie könnten mit diesem einen Buch Millionär werden – solche Fälle gibt es immer wieder. (Aber die gibt es im Lotto häufiger, bei geringerem Einsatz.)