Neuerdings kann ein Landwirt seine ganze Zunft rächen. Indem er in einer Heiratsanzeige mit einem alten deutschen Sprichwort wirbt: "Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln." Er habe welche – ob er denn mit Zuschriften rechnen könne?

Am Anfang stand das Bratkartoffelverhältnis. Ihm folgte das Pommes-frites-Verhältnis. Kenner der Materie vermuten, daß die Entwicklung bis zum Gratin-Verhältnis fortschreiten werde und kaum aufzuhalten sei. Auf jeden Fall sind die Beziehungen zwischen der Kartoffel und dem, was gelegentlich gleich danach kommt, im Laufe der Zeit sehr verfeinert worden.

Der Kartoffelkrieg in der Europäischen Gemeinschaft veränderte die Gewohnheiten. Auch die Dürre trug dazu bei, aus einem Arme-Leute-Produkt eine Luxusknolle zu machen. Die Krise an der Frites-Front schlug bis zum letzten Ein-Personen-Haushalt durch. Plötzlich sahen viele den "Alten Fritz", der sich einen Namen als Diktator des preußischen Kartoffelanbaus gemacht hatte, mit anderen Augen. Und anderem Geldbeutel.

Der Blick hinab ins Portemonnaie wirkte pädagogisch: Wenn diese EG-Happen so teuer sind, dann mußte es sich ja doch um etwas Besonderes handeln. Rezeptesammlungen tauchen auf. Gourmets schwärmen plötzlich von "eingewickelten Schweinchen". Oder von Rösti, dem Schweizer Nationalgericht. Sie ereifern sich über Bleistift- und Savonette-Kartoffeln. Sie erörtern Sinn und Unsinn der "Deutschen Brocken", einer Spezialität aus Pennsylvania. Oder sie schwören auf "Gratin Dauphinois". Partygespräche entzünden sich an Sieglinde und Clivia, an Irmgard und Hela. An Kartoffelsorten, denen die gleiche lautmalerische Ehrerbietung zuteil wird wie einer "Brigitte national".

Auch die Gesundheitsfanatiker haben ihr Thema. Kartoffeleiweiß soll biologisch so wertvoll sein wie Hühnereiweiß. Erdäpfel dienen als Weißmacher für die Haut, als Krähenfußglätter, als Rheumabekämpfer...

Das Pflaster für den Magen ist ein teures Pflaster geworden. Zur Gegenbewegung werden auch die sich häufenden Kartoffeldiebstähle gerechnet. So wie einst in schwierigen Zeitläufen der Kohlenklau umging – derjenige, der sich Brennmaterial für eine warme Stube besorgte –, so geht heute ein anderer Unhold um: der Kartoffelklau.

Bei den Preisen heutzutage gelten mildernde Umstände. Früher war alles anders. Da gab’s die ganze Woche Kartoffeln und sonntags Fleisch. Der moderne Familienvater nutzt jedes Druckmittel aus, um die Seinen wenigstens einmal zusammenzuhalten. Mit dem Versprechen: "Die ganze Woche gab’s zwar nur Fleisch, aber am Sonntag gibt’s Kartoffeln."

Manfred Lehnen