Von Hayo Matthiesen

Gehört hatte ich schon mal davon, vorstellen konnte ich mir darunter nichts: „Neusser Modell“? Dann schrieb uns Karin Franssen, Studiendirektorin am Marie-Curie-Gymnasium in Neuss, wo dies Modell erprobt wird: Bei ihnen funktioniere nicht nur die reformierte Oberstufe, über die jetzt alle Welt schimpfe, bei ihnen erwürben Oberschüler zugleich mit dem Abitur einen Abschluß, mit dem sie einen Beruf ausüben können: „... allgemeine Hochschulreife und eine zusätzliche berufliche Alternative zum Studium“, „...Doppelqualifikation als gute Voraussetzung für Führungskräfte des mittleren Managements“, „... wegen seiner bildungspolitischen Relevanz äußerst interessant.“ Also dann – Neuss schien eine Reise wert.

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„Sie wissen doch: Die reformierte Oberstufe bietet Ihnen eine möglichst große Freiheit, Ihre Fächer nach Ihrem eigenen Interesse selber zu wählen.“ 21 junge Damen der 12. Jahrgangsstufe, früher Unterprima genannt, 16 bis 18 Jahre alt, hören mir zu – noch: „Sie können selber bestimmen, was und wie schnell Sie lernen wollen, können Schwerpunkte setzen, sechsstündige Leistungskurse und dreistündige Grundkurse allein aussuchen – so soll es in der Studienstufe sein ...“ Weiter komme ich nicht mit meiner Einleitung, denn Protest wird laut, abschätziges Lächeln, Kopfschütteln, Finger in der Luft – das sei doch nur die Theorie: „Bei uns an ‚Marie-Curie‘ ist das so“, und dann höre ich von den Schwierigkeiten vor Ort: Wir haben nicht einen einzigen Leistungskurs in Mathematik, obwohl sich genügend Schüler gemeldet haben; ein Leistungskurs in Französisch ist dagegen mit nur drei Teilnehmerinnen zustande gekommen; Grundkurse und Leistungskurse werden zusammengelegt; einzelne Kurse überschneiden sich; es fehlen Angebote in Biologie, Kunst, Pädagogik; in Sport gibt es nur Volleyball oder Gymnastik; unsere Wahlmöglichkeiten sind stark eingeschränkt. – Man gewöhnt sich ganz gut an das neue System, sagen die Schülerinnen auch. Nachdem sie ihre Kritik abgelassen haben, fallen ihnen zahlreiche Vorteile ein: Die Auflösung des Klassenverbands ist nicht sehr nachteilig, da wir eine kleine Oberstufe sind, man lernt sich jetzt besser kennen; es macht mehr Spaß; das Punktsystem ist besser als die Zensuren; ich lerne heute lieber, obwohl ein harter Leistungsdruck besteht, uns wird keine Note geschenkt; vor allem: das Praktikum bringt uns unheimlich zusammen.

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„Die Oberstufenreform klappt bei uns“, sagt mir die Direktorin von „Marie-Curie“, Christel Weyhe. Sie ist eine erfahrene Pädagogin mit den Fächern Mathematik, Chemie, Physik. Fast zwanzigmal hat sie in Köln Abitur gemacht, 1970 kam sie nach Neuss: eine konservative, aber aufgeschlossene Industriestadt, 150 000 Einwohner, die Hälfte der Arbeitsplätze in der industriellen Produktion; absolute CDU-Mehrheit im Stadtparlament. „Marie-Curie“ liegt in der Nordstadt – untere Mittelschicht und darunter. „Mit den Eltern haben wir keine Probleme“, erzählt Frau Weyhe: „Sie fragen viel und kümmern sich um ihre Kinder; sie möchten etwas aus ihnen machen.“ Das will auch die Schule: „Wir überlegen uns immer, was für die Kinder gut ist“, sagt Christel Weyhe, „und das versuchen wir dann zu tun.“

Genau das war ihr Motiv, als sie 1973 mit der reformierten Oberstufe begann. Das Gymnasium war im Aufbau, deshalb gab es noch keine Klassen 11 bis 13. „Wir fingen also gleich mit der Reform an.“ Warum? „Sie bietet einfach die größere Chancengerechtigkeit für alle Begabungsrichtungen. Keiner braucht widerwillig zu lernen, weil er abwählen kann, was ihm nicht liegt.“ Heute, vier Jahre später, ist Christel Weyhe überzeugt: „Bei uns läuft die Reform gut.“