Die Palästinenser in der libanesischen Falle: der jähe Sturz des Yassir Arafat

Von Andreas Kohlschütter

Der Weg nach Jerusalem führt über die Herrschaft in Beirut", so brüstete sich Salah Chalaf, der Vater der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" und Stellvertreter Arafats, noch vor einigen Monaten. "Wir sind jederzeit bereit, uns in die Flüchtlingslager zurückzuziehen und die mit der libanesischen Regierung unterzeichneten Abkommen voll zu respektieren", so Salah Chalaf heute. Anfang Juli hatte er verkündet, der Fall des Lagers Tal al Zaatar werde "die Begriffe ‚Waffenstillstand‘ und politischer Dialog‘ aus dem Wortschatz der Palästinenser ausradieren". Jetzt im September tönt es aus seinem Munde ganz anders: "Wir sind bereit, unsere Waffen niederzulegen und alle Konzessionen zu machen, die sich mit dem Überleben des palästinensischen Widerstandes vereinbaren lassen."

Für die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) war 1976 das Jahr ihrer schwersten Existenzkrise. Die Verstrickung in den libanesischen Bürgerkrieg hat der PLO militärische und vor allem politische Rückschläge eingebracht, die so schnell nicht wieder gutzumachen sind. Nach dem Fall von Tal al Zaatar am 12. August, jenem zur palästinensischen Festung ausgebauten Beiruter Flüchtlingslager, gibt es keinen Zweifel mehr: Die Palästinenser stehen im Libanon mit dem Rücken zur Wand. Wieder einmal kämpfen sie ums nackte Überleben. Sie sind tief und plötzlich gefallen. Damit hat sich die ganze nahostpolitische Szenerie brüsk verändert.

Im Oktober 1974 erst war die PLO auf der arabischen Gipfelkonferenz von Rabat zum "einzigen Repräsentanten aller Palästinenser" erkoren worden, zum Alleinvertreter auch der von Jordanien beanspruchten und von Israel besetzten Westjordangebiete. Im November 1974 folgte der Jubelauftritt Yassir Arafats vor der UN-Generalversammlung in New York, wo der PLO-Chef für seinen "edlen Traum", für das "Palästina von morgen" warb und die Welt vor die Wahl zwischen Pistole und Olivenzweig stellte.

Im Jahre 1975 setzte sich die Erfolgsserie fort. Die PLO wurde in UN-Sonderorganisationen aufgenommen und in der Großfamilie der Blockfreien empfangen. Die Zahl ihrer Auslandsvertretungen stieg auf über hundert. Sogar in Amerika taute das Eis. Das State Department bekannte sich zu der Einsicht, daß kein Nahostfrieden zu haben sei ohne die Befriedigung "palästinensischer Interessen". Und schließlich folgte der Durchbruch im Weltsicherheitsrat, wo die PLO erstmals im Dezember 1975 zu Sitz und Wort kam.

Das war neu. Seit 1948 hatten sich Israel und die etablierten arabischen Staaten – Ägypten, Jordanien, Syrien – um Palästina gestritten. Die Palästinenser erhielten bloß den Status von Flüchtlingen, die es anzusiedeln, umzusiedeln, zu entschädigen, zu ernähren, zu bemitleiden galt. Das änderte sich 1974 mit den Beschlüssen von Rabat und New York. Der Nahostkonflikt erhielt eine neue Qualität. Er wurde "palästinisiert". Die Palästinenser feierten ein nahostpolitisches und weltpolitisches Comeback. Ihr Nationalismus wurde als politisch eigenständige Triebkraft legitimiert, ihre Forderung nach einem eigenen Staat in Palästina als Grundlage jeder künftigen Nahostlösung anerkannt. Yassir Arafat, der die Chance der "Palästinisierung" als einer der ersten erkannt hatte, nutzte sie, gestützt auf seine Hausmacht, die Fatah.