Von Stefan Woltereck

Bei den Antriebsaggregaten unserer Automobile scheint sich eine Revolution anzukündigen. Doch nicht der Wankelmotor leitet die neue Phase der Motorisierung ein, auch nicht Gasturbine oder Elektroantrieb. Die Entwicklung zielt in eine ganz andere, weit weniger avantgardistische Richtung: auf den Diesel. Er ist dabei, sich allerorten in Personenwagen zu etablieren.

Bislang hatte Mercedes-Benz in der Bundesrepublik ein unangefochtenes Monopol beim Diesel-Personenwagen: Von rund 88 000 Diesel-Wagen, die 1975 auf unsere Straßen kamen, trugen 85 600 den Stern auf dem Kühler, mehr als 97 Prozent. Die Vorrangstellung verdankt der Daimler-Diesel der Tatsache, daß die Schwaben Pionierarbeit leisteten: 1924 ging bei Benz der erste Lastwagen der Welt mit Dieselmotor in Produktion, 1936 (bei den 1926 vereinigten Herstellern Daimler-Benz) der erste Personenwagen. Während der Diesel heute bei allen Lastwagen-Produzenten gang und gäbe ist, blieb Daimler-Benz beim Personenwagen dreißig Jahre lang Alleinhersteller (zumindest in Großserie); Fiat und Borgward etwa, die in den frühen 50er Jahren mit dem Diesel experimentierten, ließen bald die Finger davon. In Untertürkheim aber setzte der Diesel eine Rekordmarke nach der anderen. Mehr als zwei Millionen "D"-Modelle wurden bislang gebaut, 1975 allein rund 160 000 – 45 Prozent der Personenwagen-Produktion.

Seit einigen Jahren allerdings sind andere Hersteller dabei, in die Hegemonie der Daimler-Diesel einzubrechen. Mit etwa 75 000 Diesel-Personenwagen im Jahr wurde Peugeot inzwischen zum zweitgrößten Hersteller auf diesem Markt. Jetzt soll der 504 GL Diesel, der neuerdings 2,3 Liter Hubraum und 70 PS besitzt, auch in der Bundesrepublik stärker mitmischen. Auch Citroën lockt mit seinem CX Diesel gerade in jüngster Zeit deutsche Kunden. Opel bietet seit 1972 den Rekord auch mit Dieselmotor an. Fiat hat einen Diesel für seinen Mittelklasse-131 angekündigt, bei Alfa Romeo gibt es (für den italienischen Markt) bereits einen Diesel. Was den Markt aber am stärksten in Bewegung bringen wird, ist der neue VW Golf-Diesel, der in diesem Monat Premiere hat und noch in diesem Jahr in Serie geht.

VW siedelt seinen Diesel in der stückzahlstärksten kleinen Mittelklasse an. Das ist genauso revolutionär wie die Tatsache, daß der neue Diesel von einem Hersteller kommt, der sich bislang ausschließlich dem Benzinmotor verschrieben hatte. Geradezu eine Sensation aber ist, wie sich der Golf-Diesel fährt: leichtfüßig wie die gewohnte Ausführung. Davon, daß Dieselmotoren – einer herkömmlichen Auffassung zufolge – schwer, lahm und laut sein müssen, ist beim Golf kaum etwas zu spüren, obwohl Dieselmotoren um so widerspenstiger werden, je kleiner sie sind.

Mit dem Golf-Diesel, daran besteht kein Zweifel, wird eine neue Seite in der Geschichte des Dieselmotors aufgeschlagen. Man muß sich fragen, warum das alles nicht schon längst geschah, insbesondere, wenn man sich Verbrauchsdaten und Umweltfreundlichkeit ansieht:

  • Dieselmotoren sind sparsamer. Ihre Verbrauchszahlen liegen je nach Fahrweise 10 bis 40 Prozent unter denjenigen eines im Hubraum vergleichbaren Wagens mit Benzinmotor.
  • Der Diesel verfügt dazu – zumindest im Sinne der Vorschriften – über außerordentlich saubere Auspuffgase.