Von Gerhard Prause

Auch in der diesjährigen Buchsaison wird die Reihe jener bestsellerverdächtigen Völkergeschichten, deren Erfolg im vergangenen Jahr, angeführt von Herms "Kelten" (Econ), Fischer-Fabians "Ersten Deutschen" (Droemer-Knaur) und Lehmanns "Hethitern" (C. Bertelsmann), zu der Parole führten, Geschichte sei wieder groß im Kommen, in der Hoffnung auf ebenso gute Geschäfte fortgesetzt. Die hier angezeigten Bücher sollen nicht einzeln redigiert, sondern lediglich als eine besondere Entwicklung historischer Literatur gewürdigt werden.

Nicht alle werden freilich auf der Bestsellerliste unter den ersten zehn aufscheinen, wo in vergangenen Jahren Nigel Davies mit den "Azteken", Gerhard Herrn mit den "Phöniziern" und Rudolf Pörtner mit den "Wikingern" über viele Wochen, ja Monate Spitzenplätze halten konnten und wo zu Beginn dieses Jahres Hermann Schreibers Buch über die Hunnen immerhin einen mittleren Platz eroberte. Aber Verleger und Buchhändler können mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, daß sie auch auf den neuen Büchern nicht sitzenbleiben werden. Die Autoren segeln noch recht sicher auf jener Welle, die C. W. Ceram vor nunmehr 27 Jahren mit "Götter, Gräber und Gelehrte" auslöste, seinem "Roman der Archäologie", der, in 25 Sprachen übersetzt, eine Auflage von Millionen erreichte und dem sechs Jahre später ähnlich erfolgreich Werner Kellers Weltbestseller "Und die Bibel hat doch recht" und Ivar Lissners Kulturgeschichte "So habt ihr gelebt" sowie Cerams zweites Erfolgsbuch, das die Entstehung des Hethiterreiches behandelt, folgten.

In den dann folgenden zwanzig Jahren wurde aus jener Welle eine Flut von Büchern über archäologische, Völker- und kulturgeschichtliche Themen. Um so erstaunlicher ist, zumindest auf den ersten Blick, daß seit eben jener Zeit, da das Geschäft so gut läuft, Universitäts- und Schul-Geschichtslehrer immer lauter das Nachlassen des allgemeinen Interesses für Geschichte beklagen.

Wie kommt es zu solchem Widerspruch? Die Antwort ist einfach: Zwar reden die einen wie die anderen von Geschichte, aber sie meinen nicht dasselbe. Zwischen Universitätsprofessoren und Schullehrern einerseits und Autoren, die Geschichteerfolgreich vermarkten (oder es doch versuchen), andererseits gibt es anscheinend Verständigungsschwierigkeiten, ja, zwischen ihnen verläuft eine tiefe Kluft.

Bei näherem Hinsehen erkennt man indessen oft auch zwischen den Universitätsprofessoren und den Schullehrern einen Graben, So erklärte zum Beispiel einer meiner Hochschulhistoriker regelmäßig zu jedem Semesterbeginn seinen Hörern ausdrücklich, er lese und lehre nicht für jene, die Studienrat werden wollten. Das ist, wenngleich unausgesprochen, die Einstellung vieler Universitätslehrer. Zwar sind sie verpflichtet, für die künftigen Schullehrer zu lesen, aber praktisch tun sie so, als seien alle ihre Studenten Wissenschaftlernachwuchs. Daß weitaus die meisten ihrer Hörer eine wissenschaftliche Laufbahn gar nicht einschlagen wollen, also nicht selber forschen werden, sondern später als Schullehrer jungen Menschen die Ergebnisse der Geschichtsforschung lediglich vermitteln sollen, daran denken nur wenige Professoren.

Und hier liegt eine wesentliche Ursache für das beklagte Desinteresse an Geschichte, das ja in der Tat bei Schülern nicht mehr geleugnet werden kann. An der Universität vollzieht sich Geschichtswissenschaft heute in hochspezialisierten und notwendigerweise abstrakten Regionen, wo es zumeist um höchst diffizile Interpretationsfragen geht, jedoch kaum noch darum, wie sich eigentlich etwas praktisch abgespielt hat. Da zugleich der Horizont der Geschichte in unaufhörlicher Erweiterung begriffen ist, zurück in die mit Hilfe der Archäologie zunehmend erforschte Vor- und Frühgeschichte der Völker, vermehrt um sämtliche Gebiete der Kultur, der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens, ist die Geschichte selbst einzelner Epochen längst unübersehbar geworden. Wie und was soll der Schullehrer von diesen ungeheuren Faktenmassen seinen Schülern vermitteln, wie kann, wie weit darf er vereinfachen? Der Universitätsprofessor gibt ihm darauf kaum eine Antwort. Und so ist es kein Wunder, daß elfjährige Gymnasialschüler von ihrem Lehrer folgende Darstellung der "Dorischen Wanderung" erhielten, die er in der lobenswerten Absicht angefertigt hatte, den Kindern die Zusammenhänge zu verdeutlichen: