Auf dem Supermarkt der Olympia-Literatur 76 sind die Regale gefüllt. Wahre Auslieferungsrekorde mußten aufgestellt werden, um die Konkurrenz zu schlagen. Aber der kommerzielle Blitzstart, den mittlerweile alle Verlage mit Sportbuch-Ambitionen beherrschen, wirkt sich nicht gerade vorteilhaft aus für dickleibige Bücher, die auch noch Monate danach gelesen werden sollen. Und so haftet der Olympia-Literatur 76 häufig genug der Beigeschmack der schnell zugestopften Konserve an. Da wird fleißig im Präsens gegen die Stoppuhr gelaufen, da werden Ziele anvisiert ("wird er es schaffen?"), von denen mittlerweile jeder weiß, daß sie verfehlt wurden.

Wenn auf dem Supermarkt dieser Olympia-Literatur dennoch recht attraktive Angebote vorliegen, so spricht dies im wesentlichen für die technische Perfektion, mit der heutzutage Bücher in kürzester Zeit auf den Markt gebracht werden können. Und es spricht vor allem für die Photographie, der man in allen Olympia-Büchern den Vorrang vor dem Text gegeben hat. Das gilt selbst für die Verlage Hoffmann und Campe und Erich Baumann, die jeweils eine große Liste prominenter Schreiber vorlegen und mit ausgezeichneten Texten aufwarten können.

Wer es also gut meint mit dieser olympischen Schnellschuß-Literatur, der deklariert dieOlympia-Bücher vernünftigerweise als Bildbände. Er wird dann nicht enttäuscht sein, wenn der Text hinterherhinkt. Tatsächlich zeichnen sich alle unten genannten Bücher durch gute Photos, nicht aber immer durch gute Texte aus.

Aber es ist nun einmal das Vermaledeite an derartigen Sportbüchern, daß man auf der Hetzjagd durch die Gefilde des Olympia-Geschäfts nun ausgerechnet mit jenen Namen wirbt, die vornehmlich für den Text, nicht aber für das Bild verantwortlich zeichnen. Und dabei bedient man sich noch jener "Namen", die nicht aus der schreibenden Zunft, sondern vom Bildschirm her bekannt sind: Harry Valerien für den Südwest-Verlag, Hanns Joachim Friedrichs für Bertelsmann und Ernst Huberty für Lingen.

Der Idolisierungs-Mechanismus des Fernsehens, vorzüglich geeignet für Fußballprofis der Bundesliga, klappt also auch, sozusagen in "eigener Sache", für Moderatoren. Ein Harry Valérien auf dem Buchumschlag ist für den Verkauf offensichtlich mehr wert als eine ganze Liste ausgezeichneten Textverfasser. Nur, man darf eben nicht hoffen, daß ein Valerien, ein Friedrichs oder ein Huberty nun auch jeweils der bessere Schreiber ist. (Was im übrigen gar nicht heißen soll, daß dem schreibenden Fernsehmoderator überhaupt kein guter Text gelingen könnte.)

Indes, es mutet zweifellos ein bißchen hochfahrend an, wenn zum Beispiel im Klappentext des Olympia-Buches von Bertelsmann (H. J. Friedrichs) gesagt wird, daß dieses Buch "neue Maßstäbe setzt". Das eben nicht; wenn man einmal davon absieht, daß den Friedrichs-Eigenberichten jeweils das Konterfei des Autors vorangestellt wird, was zum Beispiel der Harry Valerien in seinem "eigenen" Buch versäumt. Bei Bertelsmann weiß der Leser also immer, wann der Fernsehstar zu Wort kommt. Das ist ehrlicher, falls einer gezielte Kritik anmelden möchte. Und siehe da, der Texter Friedrichs ist tatsächlich besser als die mitgelieferten dpa-Texte, die dem Olympia-Alltag entrissen wurden.

Was also summa summarum bei Bertelsmann nicht gelungen ist, nämlich die für den Tagesgebrauch gedachten Nachrichten und Berichte, (dpa), zu einem Buch zusammenzufassen, das gelang bei Limpert mit den Alltagstexten der FAZ-Sportredaktion. Hier stören in den durchweg gut geschriebenen Artikeln auch nicht die aus der Unmittelbarkeit des Erlebens entstandenen Präsensdarstellungen. Im Text ist die Tagebuchform zweifellos gelungen; dafür wirkt die Bildfolge um so konfuser. Der Betrachter muß häufig rätseln, zu welchem Text welches Bild gehört.