Schulzeugnisse gibt es in Deutschland seit etwa 300 Jahren. Für lange Zeit war ihre Bedeutung relativ gering; über Berufs- und Lebenschancen entschieden andere Dinge. Das hat sich grundlegend geändert. Die mächtigste Protektion, die besten Beziehungen nützen heute nichts, wenn für den begehrten Studienplatz der Notendurchschnitt im Abitur nicht reicht. Eltern wissen das und ziehen Konsequenzen: sie setzen ihre Kinder unter Druck und verlangen schon in den Anfangsklassen gute Noten – eine der Ursachen für den vielbeklagten Schulstreß von Kindern.

Es gibt noch eine zweite, weniger beachtete Konsequenz: Eltern sehen den Lehrern schärfer auf die Finger. Wenn Oliver in Mathematik eine Fünf bekommt und damit der erhoffte Studienplatz flöten geht und das nach jahrelanger Paukerei in Nachhilfestunden, dann gibt’s nur eine Erklärung: die Lehrer sind schuld. Unfähig, voreingenommen, schlampig, ungerecht – aufgebrachte Eltern sparen nicht mit Schelte, wenn’s um die Karriere ihrer Kinder geht. Um die Fünf wieder auszubügeln, scheuen sie nicht den Weg zum Rechtsanwalt: das Zeugnis wird angefochten, Richter müssen entscheiden.

Das Bundesverwaltungsgericht hat die Anfechtbarkeit von Prüfungsentscheidungen und Versetzungszeugnissen von Anfang an anerkannt. Schon im ersten Band der Amtlichen Sammlung seiner Entscheidungen findet sich ein Urteil des II. Senats mit dem Leitsatz: "Die Anfechtung der Versagung der Versetzung eines Schülers in die nächsthöhere Klasse im Verwaltungsrechtswege ist nicht ausgeschlossen."

Einzelnoten konnten dagegen bis vor kurzem nur im Rahmen der Versetzungsentscheidung oder des Prüfungsergebnisses nachgeprüft werden. Mit anderen Worten: wenn Oliver wegen der Fünf sitzengeblieben oder durchs Abitur gefallen war, konnte das Zeugnis angefochten werden, war er aber trotz der Fünf versetzt oder hatte er das Abitur geschafft, dann war die Sache ja gut, eine gerichtliche Kontrolle der Einzelnote gab es nicht. Neuerdings prüfen die Gerichte auch Einzelnoten nach, "wenn der Schüler gerade durch diese Note in seinen Rechten verletzt wird", zum Beispiel fast immer bei Abgangszeugnissen und immer, wenn die Note Numerus-clausus-erheblich ist.

Studienräte sehen diese gerichtliche Praxis mit Argwohn. Erstens ist natürlich jede richterliche Kontrolle lästig und zeitraubend; das muß man freilich hinnehmen. Schwerer wiegt der Einwand: wie will denn ein Richter beurteilen, ob die Fünf in Mathe angemessen ist oder nicht; das gilt noch mehr beim deutschen Aufsatz.

Die Juristen haben sich solchen Argumenten nicht verschlossen: selbst wenn ein Gericht eine Note für falsch hält, setzt es nicht an Stelle des Prüfers eine andere (bessere) Note fest. Richter messen vielmehr die vom Lehrer getroffene "wissenschaftlich-pädagogische Bewertungsentscheidung" nur an rechtlich nachprüfbaren Kriterien. Sie fragen:

  • Ist das richtige Verfahren eingehalten? Das ist dann nicht der Fall, wenn in einer Konferenz bei der Festsetzung der Note ein Fachlehrer fehlte.
  • Liegen richtige Tatsachen zugrunde? Das wäre etwa dann zu verneinen, wenn schriftliche Arbeiten verwechselt wurden.
  • Sind allgemeingültige Wertmaßstäbe verletzt? Hierher gehört vor allem die Chancengleichheit der Schüler. Ein Beispiel: bei der Bildung der Gesamtnote fürs Abitur dürfen Noten, die eine Schülerin während ihrer Schwangerschaft und kurz nach ihrer Entbindung erhalten hat, nicht verwertet werden.
  • Liegen keine sachfremden Erwägungen vor? Das heißt: besondere Sympathie eines Lehrers für einen Schüler muß außer Betracht bleiben, schon gar Bestechung, Erpressung und dergleichen.