"Kindheit in der modernen Literatur", von Theodor Karst, Renate Overbeck, Reinbert Tabbert. Gäbe es mehr solcher didaktischer Werke, dann könnten wir darauf vertrauen, daß soziale Wirklichkeit und deren literarische Verarbeitung heute rationaler, weniger moralisierend und idealistisch verbrämt den jungen Menschen, den Schülern vermittelt werden als zu jener Schul-Zeit, die es darauf angelegt zu haben schien, uns die Literatur, die künstlerische Aufbereitung von Lebensstoff, zu vergällen.

Dies ist ein Buch für Fachleute: Studierende, Lehrer, in der Jugendarbeit Tätige. Weil es in "Unterrichtsmodellen" denkt, ist es – wohl notwendigerweise – in einer überwiegend zweckgerichteten Terminologie abgefaßt, die den empfindlichen Leser zuweilen enerviert. Das soll hier kein Einwand sein: Die Autoren, Professoren der Pädagogischen Hochschule Reutlingen, formulieren ihre Analysen literarischer Kindheitsbeschreibungen (darunter Mark Twains "Tom Sawyer", Queneaus "Zazie", Kafkas "Brief an den Vater", die Autobiographien Sartres und O’Caseys) mit deutlichem Interesse an den sozialen Bedingungen dieser Kindheiten, aber ganz undogmatisch. Kindheitskonflikte werden offengelegt; Literatur wird als Dokument zur Kritik der bürgerlichen Familie gelesen, aber auch als Beitrag zur nicht abgeschlossenen und nicht leicht zu kategorisierenden Kindheits-Geschichte. Beim Lesen dieses Materialbandes wünscht man sich, unsere Lehrer hätten bereits soviel intelligent aufbereitetes Material zur Hand gehabt. Oder hätte uns das um die nützlichen Mühen der eigenen Versuche, in der Literatur uns wiederzufinden, gebracht? (Scriptor Taschenbücher, Band 92, Scriptor Verlag Kronberg; 269 S., 16,80 DM)

Elke Kummer