Mit den Trimm-dich-Medaillen der Kurorte wird viel Schindluder getrieben Sind Sie denn arbeitslos?" brummte unwirsch der bärtige Holzhacker vor der Berghütte. Seine Frage galt einem Mann in Knickerbockern, Typ urlaubender Studienrat, der atemlos doch nordisch knapp, seinerseits gefragt hatte: "Guter Mann, is’ hier ’ne Stempelstelle?"

Abends im Tal erhielt der Holzhacker Aufklärung am Biertisch. Nicht ein Arbeitsloser, auf abwegiger Suche nach dem Amt, so erfuhr der Unkundige, sondern ein Feriengast im Medaillenstreß hatte seinen Weg gekreuzt.

Die Verkehrsvereine in den Alpenorten haben in den letzten Jahren samt und sonders Wanderpässe, Wandernadeln oder Medaillen, natürlich olympialike in Gold, Silber und Bronze für ihre Gäste aufgelegt. "Denn", so betont zum Beispiel die Lammertaler Gästezeitung im salzburgischen Pongau, "wer ein Ziel hat, den drängt es auch vorwärts."

Und wie sie vorwärtsdrängen, scharenweise, aufwärts vor allem, zu den Hütten und Gipfelkreuzen, an denen sie der heißersehnte Stempel erwartet, der, aufgedrückt auf den Wanderpaß, den unwiderlegbaren Leistungsnachweis für den Erwerb der Medaille erbringt.

Geschaffen wurden diese Stempelstrecken, um aus Stubenhockern Aktivurlauber zu machen. Auf acht oder vierzehn Tage verteilt, so versichern ortskundige Experten, stärken die Stempeltouren die schlaffen Muskeln und füllen Städterlungen mit klarer Bergluft.

Doch weit gefehlt. Der streßgewohnte Neuankömmling verhält sich ganz anders: Raus aus dem Auto, rauf auf den Berg. In drei Tagen zehn Touren und 20 Stempel: "Die Medaille bitte!"

Verblüfft registrieren Ärzte in den Alpenorten die Zunahme an Muskelrissen, Sehnenzerrungen und Kreislauferkrankungen bei Gästepatienten. Der Schweizer Alpenklub hat Anlaß, Flachländler eingehend vor der Bergkrankheit zu warnen – Schwindelanfälle, Erbrechen, bis hin zu Lungen- und Hirnödemen –, da sich Häufigkeit und Ernsthaftigkeit der Fälle "beängstigend" rasch summieren. Karl Eitzenberger, Einsatzleiter der Bayerischen Bergwacht in Garmisch-Partenkirchen, sieht es aus seiner Praxis so: "Viele muten sich zu viel zu. Am gefährlichsten ist das Abweichen von ausgeschilderten Wegen und das Suchen einer eigenen Diretissima-Route im unbekannten Gelände." Über die Hälfte der 1719 Erste-Hilfe-Leistungen der Bayerischen Bergwacht im Sommerhalbjahr 1975 entfielen bereits auf untere Höhenbereiche, in denen weder Fels noch Eis drohen und in denen Seil und Pickel völlig überflüssig sind.

Der gefürchtete Halbschuhtourist mit schlechter Ausrüstung ist, so lobt die Bergwacht, weitgehend verschwunden. Man geht "zünftig", meist teuer doch zweckmäßig gekleidet, in die Berge. Freilich auch mit dem felsenfesten Vorsatz: Die Medaille muß her – und koste es Kopf und Kragen. Toni Gschossmann