Von Hans C. Blumenberg

Auf den Bestseller-Listen spielen sie eine gewichtige Rolle, die populärwissenschaftlich verbrämten Spekulationen und Spinnereien um extraterrestrische Invasoren, seltsame Naturphänomene und versunkene Reiche. Die Lust am Phantastischen, an Begebenheiten, die jenseits üblicher menschlicher Erkenntnisfähigkeit liegen, bildet eine der solidesten Grundlagen für mühelose Verkaufserfolge. Da geht es, gerade jetzt, um das „Atlantis-Rätsel“, da sorgt das mysteriöse „Bermuda-Dreieck“, in dem Schiffe und Flugzeuge spurlos verschwinden, für gelinden Grusel mit realem Hintergrund.

Dänikens Astronauten-Götter waren nur die Vorhut einer Bewegung, die uns vielleicht bald weismachen will, die kleinen grünen Männer vom Mars, die die „Viking“-Expedition partout nicht entdecken konnte, lebten längst unter uns. „Der Mann, der vom Himmel fiel“ als Symbolfigur ganz konkreter Alltagsängste vor Fremdlingen, Veränderungen, Einbrüchen, Umstürzen. Die Paranoia der Zeitläufe verlangt nach Kanalisierungen, die Ohnmacht gegenüber Verhältnissen am Rande des Chaos träumt sich in große Wunder und Schrecken, um die kleinen, banalen Verstörungen der bürgerlichen Existenz erträglich zu finden. „Denn wären die Menschen bloß auf die Leistungen ihres Verstandes angewiesen, sie erreichten offenbar nicht einmal das Alter, in welchem es ihnen möglich wäre, sich dieses ihres Verstandes zu bedienen“, heißt es in Alexander Lernet-Holenias Roman „Mars im Widder“ aus dem Jahre 1941, einer düster-bizarren Reise in irreale Gefilde während des Polenfeldzugs der deutschen Wehrmacht zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Ein österreichischer Offizier gerät in eine Welt, in der sich Realität und Alptraum-Bilder zu einer undurchdringlichen Einheit finden, in der ein langer Weg zu einem Rendezvous mit einer toten Baronin begleitet ist von makabren Visionen, die doch immer aus dem Vertrauten entstehen. Der Held erlebt den Vormarsch der Panzer-Divisionen als endlose Prozession von Krebsen, die blind ins Verderben wandern: „Der Zug, schabend und schleifend, rasselnd und klirrend wie ein Geschwader von Gerüsteten, bewegte sich dahin, eine Summe unzählbar vieler Bewegungen, und schien unaufhaltsam, es war, als sei es ein einziges Tier, das über die Straße krieche, die Fühlfäden tasteten, die Augen starrten, und die Panzer glänzten im Mondlicht

Der Mann, der zweimal lebte

„Mars im Widder“, wegen seiner offensichtlich subversiven Tendenz von der Nazi-Zensur noch vor der Auslieferung an die Buchhandlungen verboten, ist eines der Glanzstücke der bislang sieben Titel umfassenden Reihe „Die phantastischen Romane“, mit der sich der Zsolnay Verlag auf belletristischer Ebene das aktuelle Interesse am Übernatürlichen zunutze machen will. Daß im gleichen Verlag auch die auf den Bestseller-Listen kursierenden Titel „Das Atlantis-Rätsel“ und „Das Bermuda-Dreieck“ erschienen sind, dürfte nicht nur Zufall sein. Denn sowohl das aus einer waghalsigen Mischung aus Fakten und Fiktionen gebastelte „Sachbuch“ als auch der phantastische Roman gehorchen den gleichen strukturellen Prinzipien, stellen den Leser vor die gleiche, von manchmal spielerischem, manchmal abgründigem Schauder begleitete Frage: Wirklichkeit oder Einbildung, Wissenschaft oder Spökenkiekerei?

Typisch in diesem Zusammenhang erscheint etwa der Roman „Der Mann, der zweimal lebte“ („The Reincarnation of Peter Proud“, 1974) des Amerikaners Max Ehrlich. Geschickt verarbeitet er Elemente der ebenfalls reichlich populär gewordenen Parapsychologie zu einer Geschichte auf der ständigen Kippe zwischen dem naturwissenschaftlich Möglichen und dem kriminalistisch Abstrusen. Ein von schrecklichen Traumfetzen gequälter Zeitgenosse findet Spuren einer früheren Existenz, reist zurück in die eigene Vergangenheit, wird sein eigener Doppelgänger. Ehrlich, der natürlich auch einen Psychiater in die Handlung einführt, überläßt bis zur letzten Seite dem Leser die Entscheidung, was da nun wirklich vor sich geht.

Der Tag, der nicht im Kalender stand

Unversehens zeigen sich Risse in einer aus Gewohnheit für stabil gehaltenen Oberfläche, hinterrücks dringt etwas Irreales in den Alltag ein, gesicherte Existenzen verlieren sich in dunklen Strudeln, deren Quelle freilich nie eindeutig auszumachen ist. So auch in „Der Meister des Jüngsten Tages“ (1923) von Leo Perutz, jenem 1957 gestorbenen österreichischen Autor, den es bei uns immer noch zu entdecken gilt, dessen historische Romane „Der Marques von Bolibar“ und „Der Schwedische Reiter“ zum Beispiel Eric Ambler stark beeinflußt haben.

„Der Meister des Jüngsten Tages“ beginnt als Kriminalroman: Ein Schauspieler kommt auf seltsame Art zu Tode – und der Erzähler gerät in Verdacht. Doch bald entwickelt sich der Roman zu einer geheimnisvollen Jagd nach einem Mörder, der seit Jahrhunderten tot ist und dennoch immer neue Opfer fordert. Mühsam tasten sich die Figuren durch einen Dschungel von handfesten Indizien und gräßlichen Vermutungen, verlieren zusehends den Boden unter den Füßen, bis schließlich doch eine plausible Auflösung geliefert wird.

Damit sprengt Perutz schon die Regeln dieses stets gefährdeten Genres, das sich allein verwirklichen kann in einer delikaten Balance zwischen Wirklichkeit und Wahn. Wenn eins der beiden Elemente die Oberhand gewinnt, ist das Phantastische, eben jener Schwebezustand, bereits zerstört. „Das Phantastische“, bemerkt der französische Strukturalist Tzvetan Todorov in seiner Untersuchung „Einführung in die phantastische Literatur“, „währt nur so lange wie die Unschlüssigkeit: die gemeinsame Unschlüssigkeit des Lesers und der handelnden Personen, die darüber Zu befinden haben, ob das, was sie wahrnehmen, der ‚Realität‘ entspricht, wie sie sich in der herrschenden Auffassung darstellt“.

Und: „Das Phantastische ist daher stets bedroht; es kann sich jeden Augenblick verflüchtigen. Es scheint sich eher an der Grenze zwischen zwei Gattungen, nämlich zwischen dem Wunderbaren und dem Unheimlichen anzusiedeln ...“ Nach dieser Definition gehören also zum Beispiel die klassischen „Gothic Novels“ von M. G. Lewis („Der Mönch“) oder Mathurin („Melmoth, der Wanderer“) eindeutig nicht zur phantastischen Literatur.

Mit literarischer Qualität haben solche Überlegungen zur Typologie einer Gattung natürlich nichts zu tun, aber als Auswahlkriterien einer Reihe „Die phantastischen Romane“ sollten sie gewiß eine Rolle spielen. Von den ersten sieben Titeln bei Zsolnay fallen mindestens drei allzu sehr aus dem vorgegebenen Rahmen, darunter übrigens auch das beste Buch der Serie: „Die Insel des Dr. Moreau“, 1896 von H. G. Wells geschrieben, ein grandioser „roman noir“ über einen genialischen Vivisekteur, der makabre Zwitter aus Menschen und Tieren herstellt. Der Autor der „Zeitmaschine“, den man auch heute noch gelegentlich fälschlich als harmlos-gemütlichen Fabulierer in der Art von Jules Verne mißversteht, erweist sich hier als ein Mann von prophetischem Talent. Die Schrecken der Insel des Dr. Moreau antizipieren die Experimente in Hitlers Konzentrationslagern.

Ansonsten ist die literarische Qualität der Reihe arg gemischt, eine überzeugende Konzeption läßt sich noch nicht ausmachen. Auf jeden Fall lohnt sich die Begegnung mit Perutz, der noch mit einem zweiten Titel vertreten ist: „Nachts unter der steinernen Brücke“, 1937 zuerst veröffentlicht, ein Mysterienspiel aus dem Prag des 16. Jahrhunderts, die unwirkliche Geschichte einer absoluten Liebe zwischen Kaiser Rudolf dem Zweiten und einer schönen Jüdin, durchtränkt mit Geistererscheinungen und kabbalistischen Riten. Man kann das, mit Friedrich Torberg, „Phantastischer Realismus“ nennen. Aber hier, in der Stadt des Golem, wird das Phantastische gleichmütig hingenommen, es gehört zum Alltag der Figuren, stiftet nicht jenes Mißtrauen gegenüber versteinerten Sehweisen von Realität, die die phantastische Literatur von Jan Potockis „Die Abenteuer in der Sierra Morena“ bis zu Lernet-Holenias „Mars im Widder“ auszeichnet.

Der zweite Beitrag des jüngst verstorbenen Wiener Grandseigneurs, „Der Mann im Hut“, empfiehlt sich als originelle Deutung der Nibelungensage, während Peter Motrams „Der Tag, der nicht im Kalender stand“, eine gutmütigaltväterliche Zeitreise, überhaupt nichts mehr von der abgründigen Spannung besitzt, die das Phantastische im sensiblen Leser auszulösen vermag.

Max Ehrlich: „Der Mann, der zweimal lebte“; 312 S., 24,– DM; aus dem Englischen von Wolfgang Wiegand

Alexander Lernet Holenia: „Mars im Widder“; 272 S., 22,– DM

Alexander Lernet-Holenia: „Der Mann im Hut“. 288 S., 22,– DM

Peter Motram: „Der Tag, der nicht im Kalender stand“; 260 S., 22,– DM

Leo Perutz: „Der Meister des Jüngsten Tages“; 256 S., 18,50 DM

Leo Perutz: „Nachts unter der steinernen Brücke“. 272 S., 22,– DM

H. G. Wells: „Die Insel des Dr. Moreau“; aus dem Englischen von Paul Felix Greve; 224 S., 22,– DM

Alle im Paul Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg, 1974–1976.