Von Petra Kipphoff

Auch Maos Tod konnte Christos Premiere nicht von der ersten Seite der kalifornischen Tageszeitungen verdrängen: Am 9. September wurde der Platz gerecht verteilt zwischen den abgelaufenen zweiundachtzig Jahren des Ersten Vorsitzenden und den bevorstehenden zwei Wochen des Running Fence, dessen Installation am Tag zuvor in wesentlichen Teilen beendet war.

Für zwei Wochen macht Christo mit diesem laufenden "Zaun" Kalifornien zu der Welt größtem Freilichtmuseum für zeitgenössische Kunst: Aus einer mit Büschen bestandenen Mulde etwa 65 Kilometer nördlich von San Francisco taucht das weiße Nylontuch auf und schlängelt sich – fünfeinhalb Meter hoch und etwavierzig Kilometer lang – durch das sanft gewellte Land von Sonoma County, überspringt Autobahn und Bach, wandert an Landstraßen entlang, kriecht Hügel auf, Hügel ab, schneidet mitten durch das kleine Dorf Valley-Ford, überquert die Grenze nach Marin County, schlägt einen Bogen in Richtung Küste, fällt das steile Ufer der Bodega-Bay hinunter, über Felsen hinüber, und versinkt in den Wassern des Pazifik. Es ist schwer, über dem Running Fence nicht den Kopf zu verlieren, denn alles an ihm sprengt alle Maße und alle Vorstellungen. –

Christo, 1935 in Bulgarien geboren und seit 1964 Einwohner von New York (seinen Nachnamen Javacheff gab er beim Umzug von Ost nach West auf), in der Stempelsprache der Kurzbeschreibungen der "Verpackungskünstler" genannt, hat den Running Fence seit vier Jahren im Kopf. Er war, kurz nach Vollendung seines letzten Großprojekts, der Montage eines orangefarbenen Riesenvorhangs durch ein Tal in Colorado, eine Strecke von fast zehntausend Kilometern an der Pazifikküste entlanggefahren, um eine für seine Absichten geeignete Gegend zu finden. Er entschied sich schließlich für Kalifornien, als eine typisch amerikanische Landschaft.

Seine Absichten könnte man wolkig nennen, wenn nicht inzwischen, nach einer ungeheuren Anstrengung über die Jahre hinweg, das Stadium der Realität erreicht wäre. Er wollte in einem Prozeß der Wechselwirkung ein Stück Land und ein Stück Kunst in den Blick holen, den Bewohnern zur Erkenntnis, den Fremden zum Exemplum, sich selber zum Beweis, daß die Grenzen der Herausforderung nur in einem selber liegen.

Für das Projekt Running Fence wurde eine Gesellschaft gegründet, die "Running Fence Corporation". Der Hauptaktionär ist Christo, Präsident und Schatzmeister seine Frau Jeanne-Claude. Das Aktienkapital dieser Gesellschaft sind Zeichnungen und Arbeiten von Christo, teils älteren Datums, größtenteils in Zusammenhang mit diesem Projekt entstanden. Durch den Verkauf dieser Aktien an Museen, den Kunsthandel und private Sammler wurde und wird der Running Fence weitgehend finanziert, ein nicht unerheblicher Rest läuft über Bankkredite. Zur "Running Fence Corporation" gehören außerdem drei weitere Direktoren und ein Rechtsberater. Es hört sich alles ein bißchen an wie in einem mittelgroßen Unternehmen.

Mit einem gravierenden Unterschied: Die Direktoren sind zwei Kunsthistoriker und eine Künstlerin, und das Produkt dieser Gesellschaft ist von beabsichtigter Kurzlebigkeit, die Demontage ist ein Teil der Planung. Zum Running Fence gehört, daß es ihn nur vierzehn Tage geben wird: Das entspricht Christos Ideologie von der Immaterialität der Kunst; das entspricht der Vereinbarung mit den Leuten, durch deren Land der weiße Nylonvorhang gezogen ist. Für die Nachwelt wird es einen Film, eine Bild- und Textdokumentation und eine Wanderausstellung geben. Für die Umwelt, die rund fünfzig betroffenen Landbesitzer, gibt es das ganze zum Fence gehörende Material, und zweihundertfünfzig Dollar gab es für jeden schon im voraus.