Daß das europäische Proletariat in seinen Lebensformen und Aspirationen von der kleinbürgerlichen Kultur gezeichnet ist, das ist eine Binsenwahrheit. Aber auch die alte Lebensweise der Großbourgeosie ist durch sie vollständig liquidiert worden; ihr Luxus ist auf das Format der Illustrierten geschrumpft, ihr "exklusiver" Standard ist bloß noch der von Kleinbürgern, die sich eine teurere Marke leisten. Umgekehrt ist es nur eine Frage der Zeit, bis die elektrische Zahnbürste auch in den Slums ihren Siegeszug antritt. Und schon heute gibt es keinen orientalischen Bazar mehr, auf dem die Leitfossilien der kleinbürgerlichen Kultur nicht längst jeden Widerstand besiegt hätten.

Hans Magnus Enzensberger: "Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums" (Kursbuch 45)

Achtung Satire!

Die wahrscheinlich entscheidende Veranstaltung der diesjährigen Frankfurter Buchmesse findet am 19. September, um 16 Uhr, im Pavillon E statt: die Überreichung des Förderungspreises für deutschsprachige Satire an den Satiriker Karl Hoche. Das Programm des Festaktes besteht aus nicht weniger als sieben Teilen: 1. Kammermusik (Ende 16. 18 Uhr). 2. Karl Hoche, der Schriftführer des "Vereins zur Förderung deutschsprachiger Satire e. V." stellt kurz den 1. Vorsitzenden des "Vereins zur Förderung deutschsprachiger Satire e. V." Karl Hoche vor. 3. Der 1. Vorsitzende des "Vereins zur Förderung deutschsprachiger Satire e. V.", Karl Hoche, hält die Laudatio auf den Preisträger Karl Hoche, der er den Titel gegeben hat "Deutsche Satire gestern und morgen". 4. Der Preisträger Karl Hoche hält eine kurze Dankesrede: "Deutsche Satire im Hier und Heute. Eine Besinnung." 5. Es können Fragen an den Schriftführer, den 1. Vorsitzenden des "Vereins zur Förderung deutschsprachiger Satire e. V." sowie an den Preisträger gestellt werden. 6. Kammermusik (13,8 Minuten). 7. Ein kleiner Imbiß, dessen Umfang und Qualität die Misere deutschsprachiger Satire dokumentieren soll. Tchibo- und Eduscho-Kaffee werden auf speziellen Wunsch des Buchhandels nicht gereicht. Ausgedacht hat sich dieses umfassende Festprogramm natürlich Karl Hoche, Satiriker – der auf diese dezente, im Showgeschäft mit Büchern und Literaturpreisen nahezu alltägliche Weise Reklame machen möchte für seinen Satiren-Band "Das Hoche Lied", erschienen im Zsolnay Verlag, Wien.

Berlinale im März

Mitte März 1977 soll sich in Berlin ein "Chinesisches Roulette" drehen: Schon jetzt hat Rainer Werner Fassbinder seinen jüngsten, mit internationalen Stars besetzten Film der Berlinale zugesagt, wenn es gelingt, Deutschlands bedeutendstes Filmfestival ins Frühjahr zu verlegen. Nach 26 Jahren im kinematographisch wie touristisch, öden Hochsommer, eingeklemmt zwischen diversen anderen Festivals, hat der neue Berlinale-Chef Wolf Donner einen günstigeren Termin anvisiert. Ein Festival im März könnte, anders als eines Ende Juni/Anfang Juli, die wichtigen, im Winter fertiggestellten Produktionen berücksichtigen, würde aktueller und interessanter werden. An eine Konkurrenz mit der Superschau von Cannes im Mai denkt man in Berlin freilich nicht, auch wenn Donner ein "durchaus kommerziell gefärbtes" Wettbewerbsprogramm im Sinn hat. Die Cinephilen sollen dabei nicht zu kurz kommen. Ihnen verheißt die März-Berlinale unter anderem eine opulente Marlene-Dietrich-Retrospektive.

Hollywood, feiert Hollywood