Von Klaus-Peter Schmid

Auf dem Höhepunkt der Inflation gibt es nur noch eine Psychologie: die der Unvernunft und der Angst." Dieser warnende Satz steht in einem der Standardwerke französischer Wirtschaftsstudenten. Sein Autor: Professor Raymond Barre, 52, seit Anfang des Monats Frankreichs Premierminister mit der besonderen Aufgabe, eben dieser Inflation endlich den Garaus zu machen.

Niemand zweifelt daran, daß der parteilose Barre kompetent und guten Willens ist. Staatspräsident Giscard d’Estaing präsentierte ihn sogar als den besten Ökonomen im Lande. Demonstrativ ernannte er ihn nicht nur zum Premierminister, sondern vertraute ihm auch das Wirtschafts- und Finanzressort an. Doch trotz dieser Machtfülle wird der behäbige, stets optimistisch lächelnde Professor einige Mühe haben, die rapide steigenden Preise in den Griff zu bekommen. Denn die Inflation ist seit Jahren für Frankreichs Wirtschaft ein süßes Gift gewesen, mit dessen Hilfe scheinbar alle Probleme zu lösen waren.

Immer wieder wurde den Franzosen angekündigt, die Rückkehr zu stabilen Preisen sei nur eine Frage der Zeit. Doch 1974 verteuerte sich die Lebenshaltung um 13,7 Prozent und 1975 um weitere 11,7 Prozent. Der Preisanstieg war damit jeweils doppelt so stark wie in der Bundesrepublik. Auch in diesem Jahr wird die Teuerungsrate kaum unter zehn Prozent liegen. Preiskontrollen aller Art und wiederholte Appelle zur Mäßigung blieben ohne Erfolg. Aus gutem Grund bezeichnete Giscard die Inflation als "das größte Problem, das Frankreich zur Stunde hat".

Wenn der Wirtschaftsprofessor Barre jetzt erneut den Versuch unternimmt, das Ungeheuer Inflation zu zähmen, dann muß er zudem mit ein paar zusätzlichen Schwierigkeiten fertig werden :

  • Der Aufschwung ist noch zu zaghaft und schwach, um klassische Bremsmaßnahmen verkraften zu können. Das Wachstum hat sich seit März wieder verlangsamt, die Zahl der Arbeitslosen liegt noch über 800 000. Teure Kredite und höhere Steuern würden Verbrauch und Investitionen in unerwünschter Weise bremsen.
  • Durch die lange Trockenheit sind der Landwirtschaft hohe Schäden entstanden. Die Regierung hat den Bauern 5,8 Milliarden Francs Entschädigung versprochen, die durch Steuererhöhungen beschafft werden sollen. Doch diese "Solidaritätsabgabe" stößt auf den Widerstand der Steuerzahler aller Gehaltsklassen.
  • Der Staatshaushalt für 1976 weist ein unerwartetes Defizit von etwa 15 Milliarden Francs auf. Hinzu kommt ein Loch von zwei Milliarden in der Kasse der Sozialversicherung. Werden diese Fehlbeträge (wie bisher üblich) dadurch gedeckt, daß Paris die Notenpresse schneller laufen läßt, entsteht eine neue Inflationsquelle.

Im Prinzip kennt der neue Regierungschef an der Seine die Lösung für diese Probleme. Vor allem hat er stets vor Scheinlösungen gewarnt. So hält er nichts davon, nach dem Vorbild illustrer Vorgänger einfach die Preiskontrollen zu verschärfen. Seinen Studenten verkündete er jedenfalls: "Sie schaffen eine Atempause, stellen aber niemals ein Heilmittel dar."