Von Benjamin Henrichs

Peter Löscher inszenierte im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses "Krankheit der Jugend", ein Stück von Ferdinand Bruckner aus dem Jahr 1925. Eine Sensation von vorgestern: "Krankheit der Jugend" erzählt auf reißerische, demonstrativ respektlose Weise von den Sexual- und Seelen-Affären einer Gruppe von Medizinstudenten im Wien der zwanziger Jahre. Es geht um lauter hochdramatische Probleme (Soll man leben oder sterben? Ein Bürger werden oder Selbstmord begehen? Treu sein oder auf den Strich gehen?), die in einem hitzigen, atemlosen Stenogrammdialog abgehandelt werden. Trotzdem hat das Stück eine große Kälte – weil es seine Figuren nicht ansieht, sondern ausbeutet; weil es mit seelischen Katastrophen umgeht wie ein Salonstück mit kleinen Ehebrüchen; weil es Schocks einsetzt wie ein Boulevardstück seine Pointen. Man könnte das Stück einen Reißer nennen – würde es noch irgend jemanden zu irgend etwas hinreißen.

Der Regisseur Peter Löscher hat eine anhaltende, starke Zuneigung zu schwachen Stücken. Das Seltsame dabei ist, daß er aus Vorlagen, die er offenbar selber für dubios hält, höchst lebendige, reizvolle Aufführungen herstellen kann – Inszenierungen, welche die fragwürdige Machart der Texte nicht verstecken, sondern ausstellen, ironisch bloßstellen: nicht durch parodistische Übertreibungen, sondern durch größtmögliche Genauigkeit. Löschers Inszenierungen erproben Theatermittel, indem sie sie ganz ernst nehmen – und zeigen dabei auch, welche dieser Mittel nicht mehr ernstzunehmen sind.

In Frankfurt, bei Strindbergs "Mit dem Feuer spielen", entdeckte Löscher, wie verwandt diese Art von Katastrophendramatik den trivialen Katastrophen einer Boulevardkomödie ist; in einem angeblich realistischen Stück (David Rudkins "Vor der Nacht") entdeckte er dessen pseudorealistische, sozialmelodramatische Elemente.

Das Spannende an Löschers Arbeit ist, daß aus dieser Distanz nie ein bloß akademisches Abstandnehmen wird; daß die Schauspieler die fernen Stücke mit ihren eigenen, privaten Empfindungen und Konflikten konfrontieren. Löscher, der mehr als jeder andere deutsche Regisseur daran glaubt, daß nur Gruppentheorie und -training das Theater voranbringen kann, inszeniert also nicht nur, um das Material eines Stückes zu untersuchen. Wichtiger noch ist, mit Hilfe der Stücke über das Material und die Methoden schauspielerischer Arbeit nachzudenken.

Bruckners zirzensische Dramaturgie (Gefühle werden verkauft wie Sensationen, Menschen vorgeführt wie Bestien) wird von Löscher mit angemessen großen Effekten illustriert: Aus einer Kußszene entwickelt sich ein komisch-peinlicher, unbeholfener pas de deux; bei einem Leidenschaftsausbruch schleudert der Mann die Frau durch die Luft, die Frau fällt zu Boden, dreht sich dort, wie eine gestürzte Eistänzerin, ein paarmal noch im Kreise. Geschrei, Blumenvasen werden umgestürzt, eine Flasche fliegt in einen Spiegel, und am Ende der Nummer überdröhnt eine chaotische Kinomusik die Szene. Löscher versucht aber auch, Bruckners nur aus Papier gemachte, comichaft flache und aufgeblasene Figuren in kompliziertere Lebewesen zu verwandeln: der Student Freder zum Beispiel (Hans-Dieter Jendreyko), bei Bruckner nur ein tönender Sexualprotz, wird hier ein empfindlicher, ja bedrohter Mensch: einer, der stark ist nur gegen die Schwächeren, der den Herrenmenschen spielen muß, damit man seine Kinderängste nicht sieht.

Das ist ganz selten zu sehen: ein so raffinierter und gleichzeitig reflektierter Umgang mit theatralischen Effekten. Und trotzdem kommt einem die Veranstaltung, kaum ist man aus dem Theater heraus, ein bißchen unnütz vor. Etwas Apartes sicher, eine imponierende Theater-Übung, eine Etüde in Subtilität – aber dies Kunststück hat Löscher nun schon ein paarmal vorgeführt. Er müßte nun auch Stücke inszenieren, wo er mit. den Figuren nicht so virtuos fertig werden kann, wo die Darstellungsrisiken für die Schauspieler nicht nur akrobatischer Natur sind, wo es um mehr geht als um brillant exekutierte Stürze und knallende Ohrfeigen und schicke Pseudokatastrophen. Löscher wird demnächst in Frankfurt ein Stück inszenieren, in dem es weniger wild und tragisch zugeht, dafür ernster: eine Komödie, Shakespeares "Was ihr wollt".