Von Urs Widmer

Es ist jetzt Samstagnachmittag, und ich beschreibe eine Buchmesse, die seit Donnerstag, aber noch bis Dienstag dauert. Doch da dies meine elfte Buchmesse ist, erwarte ich, daß sie ähnlich ausläuft wie die andern zehn. Elf Messen, 1965 bis 1976, sind nicht besonders viel, aber ein paar Vergleiche erlauben sie doch. 1965, bei meiner ersten Buchmesse, war ich noch ein heimlich schreibendes Kind. Ich hatte einen Scheitel links und trug einen Konfirmationsanzug und staunte darüber, wie viele Leute sich sehr sachkundig und äußerst locker mit Büchern beschäftigten. Von 49 994 der ausgestellten 50 000 Bücher hatte ich noch nicht einmal etwas gehört. Ich war an einem Fest bei Klaus Nonnenmann (der wie so viele seiner Generation auch nicht mehr zur Messe kommt), wo es unter anderem Leute gab, die in der ersten Hälfte des Abends darüber sprachen, daß Max Frisch wahrscheinlich kommen würde, und, als er da war, darüber, daß er da sei. Da wurde ich recht sehr neidisch. Ich dachte aber auch: Wie sollte Max Frisch, der von alldem nichts wußte, jetzt noch vernünftig mit jemandem reden können?

Dann wurde ich Verlagsangestellter. Seither weiß ich, wie entsetzlich es ist, auf einer Buchmesse arbeiten zu müssen: all das Business-Getue, dieses Vorgeben, jedes Verlagsprodukt sei für die Zukunft des Abendlands wichtig, dieses Grinsen ins Antlitz deines Nächsten, der ein Kunde sein könnte. Es war anstrengend, fünf Tage lang in der Messenluft zu stehen, die eine Vorausnahme der Erdluft von 1990 ist. Es war anstrengend, die Nächte durchzutrinken und dann am nächsten Morgen wieder taufrisch am Stand zu stehen. Glücklicherweise bin ich kein Verlagsangestellter mehr, glücklicherweise bin ich kein Verleger, kein Berichterstatter, kein Fernsehmann, kein Polizist, kein Spitzel des Verfassungsschutzes. Sie alle werden zerrieben zwischen dem Anspruch, eine Arbeit leisten zu müssen, und der Unmöglichkeit, dies in diesem Durcheinander zu tun. Ist diese Messe eine inhumane Business-Maschine oder ein irgendwie fröhliches Irrenhaus?

Autoren gewinnen der Buchmesse erfahrungsgemäß allerlei Gutes ab, in erster Linie, weil sie nichts zu tun haben. Sie haben ihre Bücher längst geschrieben. Nun schlendern sie durch die Verlagskojen und schauen, wie die andern arbeiten. Sie tun es scheinbar absichtslos – in Wirklichkeit aber zahlen sie während der paar Tage den Verlegern die Kränkungen des vergangene! Jahres zurück, in dem sie sich das Herzblut aus den Fingern geschrieben haben, und kein einziges Mal hat der Verleger zu erkennen gegeben, daß er möglicherweise eine Art Interesse an der Produktion des Autors hat. Dafür hat der Autor ihn immer wieder im Fernsehen gesehen, wie er mit Hitchcock speiste oder mit Genscher plauderte oder Curd Jürgens auf den Flughafen begleitete. Jetzt, auf der Messe, schlägt der Autor zurück. Sofern sein Buch gut ist (das muß er mit sich selber abmachen), kann er ohne Schuldgefühle am Stand des Verlegers herumsitzen und seinen Obstler trinken. Ja, um die Kränkung voll zu machen, trinkt er den Obstler noch lieber am Stand des Konkurrenten des Verlegers. Da sitzt er dann mit andern nichtsnutzigen Autoren und gerät langsam in einen Zustand, in dem es ihm egal ist, daß das deutsche Fernsehen schon wieder seinen Verleger im Gespräch mit Curd Jürgens filmt, obwohl er sich einbildet, dieses Gespräch schon vor vier Wochen gesehen zu haben.

Für einen Autor hat die Buchmesse wenig mit Business zu tun. Seine Anwesenheit fördert, wenn er nicht Curd Jürgens heißt, den Verkauf seiner Bücher nicht im geringsten. Die Messe ist für ihn eher eine Mischung aus Karneval und Kameradschaftstreffen. Theoretisch könnte er sich mit seinen Kollegen auch auf der Ofenmesse treffen. Vielleicht wären da sogar Weniger Spitzel. Auch Bücher sind für Autoren nicht so entscheidend wichtig, glaube ich. Wir bekommen die, die wir wollen, auch irgendwie sonst. Das heißt, früher, als auch das betrunkene Autofahren noch ein Kavaliersdelikt war, war das anders. Da konnten wir die Bücher noch stehlen. Es gab mir namentlich bekannte Autoren, die mit Maßanzügen, Koffern und Leselisten angefahren kamen und sich in ruhiger Systematik ihre Jahreslektüre zusammenraubten. In jenen fernen schönen Tagen blickten die Verlagsangestellten diskret in die andere Kojenecke, wenn ein potentieller Leser auftauchte. Heute melden sie, wie Musterschüler, das Abhandenkommen eines Taschenbuchs der Polizei.

Ich behaupte, daß die Qualität einer Buchmesse von der Qualität der Autoren abhängt, die sie besuchen. Schließlich schreiben die Autoren die Bücher, wenn auch viele Verleger vom autorlosen Buch träumen und manche es auch hinkriegen. Autoren werden von ihnen zuweilen als der Sand im Öl ihrer Buchproduktionsmaschine empfunden. Ich will nicht sagen, daß wir Autoren nicht zuweilen Mostköpfe sind, aber es ist doch auch ein bemerkenswertes Erlebnis, eine Zeitlang die neuen 76er Verlegermodelle zu beobachten. Sie unterscheiden sich im Design nur unwesentlich von den letztjährigen. Ach, ich kann mich noch an die Zeit erinnern, wo die Verleger zuweilen sogar ein Buch lasen. Heute könnte IBM gewiß einen tadellos funktionierenden Verleger in der Größe eines Taschenrechners herstellen. Ich glaube, es ist nur noch eine technologische Sentimentalität, daß IBM den Verlegerpersönlichkeiten von heute eine Nase und Ohren aufmodelliert und ihnen sympathische Schwächen wie eine Vorliebe für Johnnie Walker einprogrammiert. Heute ist Siegfried Unseld, der nachweislich mehrere Gedichte auswendig kann, so ziemlich der musischste unter den Verlegern geworden.

Die Buchmesse hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. 1968, das Schlüsseljahr für viele Autoren meiner Generation, hat dazu am meisten beigetragen. Es ist schon traurig. Vor 1968 gab es keine Polizei, danach um so mehr. Vor 1968 gab es überall Feste mit Spanferkeln und Château Neuf du Pape, dann gab es Spar-Empfänge in Kellern, bei denen der einladende Verlag einen Kasten Bier spendierte, und ab Mitternacht mußte man selber bezahlen. Die meisten Verleger hatten vom Denken der sogenannten Studentenrevolte nur begriffen, daß es töricht wäre, die Revolutionäre auch noch zu ernähren. Heute, im Zeichen der Restauration, gibt es wieder ein paar Empfänge mehr, aber beim Bier ist es im großen und ganzen geblieben. Vielleicht müßten wir Autoren einmal einen Empfang für die Verleger machen, um ihnen zu zeigen, wie man liebe Gäste bewirtet? Interessanterweise hatten nämlich die Verlage, die früher Spanferkel anboten und heute Würstchen, früher ein reiches literarisches Programm und heute ein armes.