Von Hermann Bößenecker

Bis zu seinem Tode, so verkündet Willy Kaus düster, werde er die Auseinandersetzung mit dem Chemie-Konzern Bayer führen. Der 76jährige Frankfurter Unternehmer, der nach dem Verkauf seiner Metzeler-Firmengruppe an den Leverkusener Multi einen erbitterten Krieg gegen den einstigen Geschäftspartner führt und nachträglich, weil er sich übervorteilt fühlt, alle Verträge angefochten hat, sieht nun auch in der Anklageerhebung des Münchener Staatsanwalts in Sachen Monza-Steel-Reifen nur eine weitere Etappe in diesem unvermindert heftigen Streit.

Willy Kaus, gegen den zusammen mit drei anderen Verantwortlichen der "alten" Metzeler AG wegen des Verdachts von Konstruktionsfehlern bei den Hochgeschwindigkeitsreifen der Vorwurf der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung erhoben wird, äußert unverhohlen die Vermutung, daß die bösen Bayer-Leute den Staatsanwalt "umgedreht" haben; so sei er selbst zu Unrecht in die unselige Affäre verwickelt worden.

Kaus widerspricht leidenschaftlich der Lesart des neuen, von Bayer eingesetzten Metzeler-Vorstandsvorsitzenden Günter W. Becker, die heutige Metzeler Kautschuk AG in München habe mit den vom Staatsanwalt untersuchten zwölf Unfällen, bei denen sieben Menschen getötet und 21 verletzt wurden, nichts zu tun. Er pocht dabei auf eine von ihm formulierte Aktennotiz vom 8. März 1974, als er noch Vorstandsvorsitzender der "alten" Metzeler AG (Holding) war. Damals, als erst zwei der Unfälle passiert waren und im Hause Metzeler intensive Untersuchungen angestellt und auch bereits Gespräche mit Daimler-Benz und BMW geführt worden waren, stellt Kaus fest, "daß ich auf die Wichtigkeit dieser Reklamationsfälle und der fürchterlichen Folgen schon vor dem ersten Unfall mit tödlichem Ausgang verwiesen habe". Er habe den Eindruck gewonnen, daß "im Hause die Sache zu leicht genommen wird". Zum Schluß regte er ein "gemeinsames Gespräch" aller Beteiligten an.

Kaus sieht in dieser zweiseitigen, in "beschwörendem Ton" gehaltenen Notiz "praktisch mein Testament in diesem Reifen-Komplex" kurz vor seinem Ausscheiden aus der Metzeler-Gruppe. Er will nicht verstehen, daß der Staatsanwalt dieses Papier nicht in seinem Sinne gewürdigt hat.

Zudem behauptet Kaus, daß er die Notiz Günter W. Becker, damals einfaches Vorstandsmitglied der Metzeler AG (Holding), persönlich in Frankfurt übergeben habe. Tatsächlich ist auf der Kopie der Notiz, wie sie Kaus heute vorlegt, in der dritten Spalte der neunzehn Adressaten "GWB" vermerkt, was offensichtlich "Günter W. Becker" heißen soll. Kaus macht deshalb heute Becker dafür mitverantwortlich, daß die Monza-Steel-Reifen zu spät – erst Anfang 1975 – zurückgerufen wurden.

Verträge angefochten