Von Joachim Nawrocki

Haben Sie keine Turnhosen?", fragt die Kundin eine Verkäuferin im Ost-Berliner Centrum-Warenhaus. Antwort: "Wir haben hier keine Babywäsche. Keine Turnhosen gibt’s nebenan." Dieser Witz, der jetzt in der DDR die Runde macht, ist typisch für die Engpaßwirtschaft der Ostblockländer. Derzeit haben solche Witze besondere Aktualität. Aus beinahe allen sozialistischen Staaten sind Berichte über aktuelle oder bevorstehende Mangelerscheinungen, Hamsterkäufe und Planungspannen zu hören und zu lesen. Der heiße Sommer mit seinen schlechten Ernten ist die wichtigste, aber nicht die einzige Ursache für diese Zuspitzung der wirtschaftlichen Situation in Osteuropa.

Folgt man den Zeitungsberichten und den Reden von Partei- und Regierungschefs, dann ist allein die DDR von dramatischen Entwicklungen verschont geblieben, obwohl auch dort eine schlechte Ernte eingefahren wurde. Es ist schwer, hinter die Kulissen dieses Staates zu schauen. Die DDR ist überdurchschnittlich industrialisiert. Schwierigkeiten in der Landwirtschaft schlagen deshalb nicht so zu Buche wie etwa in der Sowjetunion. In der Sowjetunion sind 25 Prozent aller Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig, in Bulgarien, Polen und Rumänien über 30 Prozent, in der DDR aber nur 11 Prozent (zum Vergleich: in der Bundesrepublik sind es sieben, in den USA vier Prozent). Dem Industriestaat DDR könnte es also leichter gelingen, die für den Import von Nahrungsgütern und Futtermitteln nötigen. Devisen mit Hilfe industrieller Exporte aufzubringen, als etwa der Sowjetunion oder Polen.

So klang die Rede des SED-Generalsekretärs Erich Honecker auf der letzten Tagung des Zentralkomitees Anfang dieses Monats denn auch recht optimistisch: "Wir alle wissen, welche Auswirkungen die Dürreperiode uns gebracht hat. Die Genossenschaftsbauern und Arbeiter der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft haben, unterstützt durch die Werktätigen anderer Bereiche der Volkswirtschaft, Großes geleistet, um die Ertragsausfälle soweit wie nur irgend möglich wettzumachen. ... gestützt auf den großen Fleiß und Ideenreichtum, sind wir in der Lage, trotz erheblicher Ertragsminderungen die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln bei stabilen Preisen zu sichern."

Die Tierbestände, sagt Honecker weiter, sollten erhalten, die Pläne der tierischen Produktion erfüllt werden. Der SED-Chef forderte noch, "die vorgesehenen Exporte vollständig Vertrags-– gerecht durchzuführen" – zur Sicherung der nötigen Deviseneinnahmen aber das war Schon alles. Von wirtschaftlichen Schwierigkeiten war weiter nicht die Rede. Angesichts einer kritischen innenpolitischen Situation, für die die Selbstverbrennung des Pfarrers Brüsewitz nur ein Fanal war, wären wirtschaftliche Hiobsbotschaften auch das letzte, was die DDR-Führung brauchen könnte.

In anderen Ostblockstaaten lassen sich wirtschaftliche Probleme dagegen nicht mehr ohne drastische Maßnahmen bewältigen. In der Tschechoslowakei wurden jetzt drei Minister abberufen: die stellvertretenden Ministerpräsidenten Frantisek Hamouz und Jan Gregor sowie der Landwirtschaftsminister Bohuslav Vecera. Ministerpräsident Lubomir Strougal hatte auf einer Sitzung des Zentralkomitees der KPC schlecht ausgearbeitete Pläne, schlechte Verteilung der Arbeitskraft, das Fehlen qualifizierten Personals, Nachlässigkeiten der verantwortlichen Funktionäre und Stagnation der Westexporte gerügt und personelle Konsequenzen angekündigt.

Besonders rügte Strougal den Maschinenbau, den wichtigsten Devisenbringer der ČSSR. Die Industrie sei nicht in der Lage, westliche Anforderungen zu erfüllen. Bedeutende Lieferungen an westliche Länder seien verzögert, worden. Der. Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, den Strougal beklagte ist übrigens nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß nach dem abrupten Erde des Prager Frühlings 1968 alle Dubček-Anhänger von ihren Posten verjagt wurden. De meisten von ihnen dürfen bis heute kaum mehr als Hilfsarbeiten verrichten.