Folge des Londoner Skandals: Die Geschäfte der City sollen schärfer überwacht werden

Eine Serie von Affären und Skandalen trübt das Image der Londoner City. Sie sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob die Regeln des Aktienrechts nicht zu lax und die vielberufene Selbstkontrolle nicht unzureichend ist angesichts der sich lockernden Geschäftspraktiken im Finanzzentrum, wo nicht alle Gentlemen sich unbedingt wie Gentlemen verhalten. Den letzten Schock löste eine Sonderprüfung der Slater-Walker Securities Ltd. aus, deren Chef, Jim Slater, einst geradezu als Inbegriff finanzieller Genialität gerühmt wurde. Die Prüfer brachten nicht nur ans Licht, daß das Finanzkonglomerat allein durch eine Stützungsaktion der Bank von England am Leben gehalten wird. Sie zeihen die Direktoren auch geschäftlicher Unfähigkeit, der Miß- und Vetternwirtschaft und bekräftigen den Verdacht des Verstoßes gegen das Aktiengesetz.

Der Bericht zerstört den bereits erschütterten Mythos des "Finanzgenies" völlig. Denn er zeigt, daß Jim Slater und sein "Imperium" ebenso Opfer seiner Inkompetenz wie widriger Umstände war.

Jim Slater – außerhalb Großbritannien praktisch nur in Finanzkreisen bekannt – war für die Zeitungen in der Fleet Street ein unablässiger Schlagzeilenlieferant. Er war der Liebling einer Presse, welche stets die Person hinter den Ereignissen sucht und individuelle Leistung, Erfolg und Versagen oft über Gebühr hervorhebt. Mit äußerst geschicktem Sinn für Public Relations verschaffte sich Slater, der mit Aktientips selbst einmal ein kurzes Gastspiel in Fleet Street gegeben hatte, ein Heer von Bewunderern und Nachahmern, die nur zu gern an seine Fähigkeit eines Midas glaubten, dem zu Gold wird, was immer sein Finger berührt.

Der "Alexander der Große der Finanzwelt" erschien vielen als der Wegbereiter einer leistungsfähigeren britischen Wirtschaft, der brachliegende Vermögensteile produktiver Verwendung zuführt und schläfriges Management durch Übernahmeattacken aufschreckt. 1972, auf dem Höhepunkt seines Erfolges, begann er, den Globus mit einem Netz einer "weltweiten Investment- und Bankengruppe" zu überziehen. Feierlich erklärte die angesehene Wochenzeitung Observer: "Slater braucht Europa, und Europa braucht Slater."

Die große Ernüchterung kam 1974 mit der Börsenbaisse und dem Niedergang des Immobilienmarktes. Finanzhäuser, die Slaters Erfolgsrezept nachgeahmt hatten, brachen zusammen. Der Meister selbst warf verzweifelt Ballast ab, um den Ballon in der Luft zu halten. Aber schließlich war auch der letzte Rest der heißen Luft entwichen. Ein Finanzskandal im Fernen Osten, in den Slater und seine Gehilfen verwickelt waren, führte das Ende herbei. "Slater verläßt die City", verkündeten vor einem Jahr die Schlagzeilen. Die Krise war noch ernster, als damals sichtbar wurde. Jetzt lüften die Sonderprüfer den Schleier und zeigen, daß die Bank von England mit einem Beistandskredit von 30 Millionen Mark und einer Ausfallgarantie von über 17 Millionen Mark einspringen mußte, um Slater vor dem Kollaps zu bewahren.

Der Bericht trägt das Seine dazu bei, Slater auf das Format eines Monopolyspielers zu reduzieren, der ein gigantisches Kartenhaus erbaute und ein leichtgläubiges Publikum ebenso blendete wie die Profis in der City; einschließlich der Wirtschaftsprüfer, die seinen Bilanzen stets das berühmte Testat der "wahren und fairen Sicht der geschäftlichen Angelegenheiten" erteilt hatten. Die Sonderprüfer kürzten jetzt erst einmal die überhöhten Vermögensansätze in den Bilanzen, reduzierten das Nettovermögen per Ende 1975 um die Hälfte auf etwas über 17 Millionen Mark und errechneten für das vergangene Jahr einen Verlust von über 18 Millionen Mark.