Stockholm, im September

An Wochentagen arbeitet er im Reichstag oder in der Kanzlei der Zentrumspartei, ein Bauer im Sonntagsanzug mit buntem, seidenem Schlips. Am Sonntag steuert er im offenen Flanellhemd und blauen Overall den Traktor auf seinen Kartoffelfeldern, 500 Kilometer fern der Hauptstadt, mustert seine 300 Schafe und plaudert mit seinen Nachbarn über die Ernteaussichten. Das lockige braune Haar, der graumelierte Backenbart, die Pfeife in der schwieligen Hand, die forschend auf den Besucher gerichteten blauen Augen unter den dicken, hochgewölbten Brauen, eine tiefe, sonore Stimme – dieser 50jährige Schafzüchter aus dem Norden ist ganz der Typ des vertrauenerweckenden, stabilen Landesvaters, wie ihn viele Schweden sich wünschen.

Thorbjörn Fälldin antwortet genauso vorsichtig, umständlich und unverbindlich wie die meisten seiner Landsleute, die sich nie so recht mit dem forschen, schlagfertigen und immer überlegen lächelnden Olof Palme abfinden konnten. Bei den Wahlversammlungen riefen ihm die Leute "Heja Tobby" zu, seinen Rivalen sprachen sie formell mit "Palme" an. In den Wahlduellen benahm sich Palme, als sei er unbesiegbar, zumindest duldete er in der Debatte keinen Punktverlust. Wahrscheinlich wurde er deshalb in der entscheidenden Runde von der klobigen Faust des Schafsbauern aus dem Norden aus dem Ring geboxt.

Thorbjörn Fälldin stand breitspurig auf der Kanzel und verteidigte mit lutherischer Standhaftigkeit seine Thesen von den teuflischen Gefahren der Atomenergie, der staatlichen Machtkonzentration, der selbstherrlich gewordenen Bürokratie und der schleichenden Sozialisierung. Und trotzte gelassen dem drohenden Bannfluch aus den Reihen seiner eigenen kritischen Parteikameraden und seiner künftigen Regierungspartner. Seine ruhig-nachdenkliche Art und felsenfeste Überzeugung verlieh seinen Worten Glaubwürdigkeit, auch wenn sie mitunter unklar und wirklichkeitsfremd klangen. Er präsentierte sein Evangelium schwerfällig und schwer verständlich, mit vielen lateinischen Lehnwörtern und komplizierten Fachausdrücken, in Schachtelsätzen mit Aufzählungen und Wiederholungen und irritierenden Gedankenstrichen. Und doch konnte er seine Anhänger mit seinem Hasenlatein in Bann schlagen. "Er ist halt menschlich, einer von uns", meinte ein zufriedener Zuhörer, "wenn man dem Palme zuhört, fühlt man sich wie ein dummer Schulbub."

"Ich glaube, die Leute schätzen es, daß ich gründlich bin, auch wenn meine Auslegungen etwas umständlich sind", sagte mir Fälldin unlängst, als wir uns darüber unterhielten. Sein politisches Programm ist dem der Sozialdemokraten im Grunde sehr wesensverwandt, unterscheidet sich nur in Nuancen und Methoden: eine kinderfreundliche Gesellschaft, sichere Energiequellen, Arbeit für alle unweit des Heims, damit man mehr Zeit für Kinder und Freizeithobbys gewinnt, Sechsstundentag für beide Kleinkinder-Eltern, gesetzlich zuerkannt, 10 000 Kronen Kinderbeitrag für Kinder unter drei Jahren und dazu auf Wunsch drei Jahre Elternurlaub. Beste Krankenfürsorge, verstärkter Kollektivverkehr, erweiterte Mitbestimmung, Dazu aber mehr Wahlfreiheit für den einzelnen, Steuererleichterungen für kleine Unternehmer und Freiberufliche. Alles Ackerland soll ausgenutzt und nicht mit Ferienhäuschen verbaut werden; mehr Hilfen für den Kleinbauern; Landwirtschaft als Freizeithobby.

Dem Bauern Fälldin liegt der Naturschutz besonders am Herzen. "Wenn ich gegen den Ausbau der Atomenergie plädiere, so tue ich das in erster Linie unserer Kinder und Kindeskinder wegen. Wir dürfen die bösen Geister nicht herausfordern. Die bisherigen Sicherheitsvorkehrungen scheinen mir nicht sicher genug. Vor allem müssen wir aber Energie sparen. Ordentlich sparen – in Industrie, auf der Straße, im Haushalt, nichts verschwenden. Und wenn wir mehr brauchen, müssen wir eben andere Quellen ausbauen – man muß es jedenfalls versuchen, mit Windkraft und Sonnenkraft..."

In seinem außenpolitischen Credo findet er die bündnisfreie Politik "durchaus vereinbar" mit dem Ziel, sich aktiv für die Dritte Welt einzusetzen, Ob er aber selbst, so wie Palme, in außenpolitischen Fragen auf die Barrikaden steigen würde? "Erstmal muß man solche Fragen durch die normalen Kanäle bearbeiten", antwortet er ausweichend. "Unser Stil ist eben verschieden." Die schwedische Haltung gegenüber der EG wird unverändert bleiben, sagt er nachdrücklich, mit einem Seitenblick auf die von den Konservativen geäußerten Wünsche nach einer stärkeren Annäherung an die Gemeinschaft.