Von Jes Rau

Eigentlich hat niemand den Streik gewollt. Leonard Woodcock, der Chef der amerikanischen Auto-Gewerkschaft nicht, Sidney F. McKenna, der neue Chefunterhändler der Ford Motor Company nicht und Peter Flynn, ein Montagearbeiter am Fließband der Ford Motor Company in Dearborn schon gar nicht.

Flynns Mangel an Begeisterung über den Streikurlaub verwundert nicht: Die fünfzig Dollar, die er pro Woche aus der Streikkasse der United Automobile Workers (UAW) erhält, nehmen sich neben seinem Wochenlohn von 350 Dollar arg bescheiden aus und "reichen gerade für die Lebensmittel". Wegen der vielen Kurzarbeit im vergangenen Jahr, die das Budget seiner Familie erheblich belastete, sind auf seinem Banckonto "vielleicht 300 Dollar". Damit läßt sich eine vierköpfige Familie bei einem langen Streik nicht über Wasser halten.

Dennoch stimmte Peter Flynn bei der Urabstimmung für Streik. Und mit ihm neunzig Prozent der insgesamt 165 000 Ford-Autoarbeiter. "Diese Autokonzerne sind hartgesotten. Die geben nichts her ohne Kampf", erklärte er seine Haltung.

Trotz der überwältigenden Mehrheit bei der Urabstimmung ist die geringe Streiklust der Autoarbeiter weder den Funktionären der UAW noch dem Management verborgen geblieben. Die Verhandlungsposition der Gewerkschaften hat das nicht gerade gestärkt. Aber auch die Position der "großen Drei" unter den amerikanischen Autoherstellern, Ford, General Motors und Chrysler, hat ihre schwachen Stellen. Nur zu gut wissen die Gewerkschafter, daß die Autoindustrie nach zwei harten Rezessionsjahren im gegenwärtigen Autoboom keine Verkaufschance verpassen möchte. "Der Streik ist wohl das letzte, was uns in den Kram paßt", meinte ein Firmensprecher.

Und es hat auch lange Zeit so ausgesehen, als ob der von beiden Seiten gewünschte soziale Frieden erhalten bliebe. Leonard Woodcock hatte in den Wochen vor Auslaufen des Tarifvertrages keine Gelegenheit versäumt, den Autokonzernen in Detroit und Dearborn die friedlichen Absichten der Autoarbeiter zu signalisieren – und die Häuptlinge der Autoindustrie hatten mit ähnlichen Gesten geantwortet. In der Öffentlichkeit verdichtete sich deshalb der Eindruck, daß beide Seiten spätestens eine Minute vor zwölf die Friedenspfeife hervorkramen und einen wiederum für drei Jahre geltenden Tarifvertrag unterzeichnen würden. Doch der 15. September ging vorbei, ohne daß eine Einigung erzielt werden konnte. So mußten die Autoarbeiter in den über 22 Bundesstaaten der USA verstreuten 102 Produktionsstätten der Ford Motor Company wohl oder übel ihre Drohung wahrmachen und die Fließbänder anhalten.

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