Von Horst Seifart

Die Olympischen Spiele von Montreal sind eineinhalb Monate vorbei. Die große Welle interner Kritik in Sport- und Fernsehgremien hat begonnen, nachdem erste Ergebnisse von Zuschauerbefragungen aus vielen Ländern vorliegen und Erfolgs- sowie Mißerfolgsbilanzen gezogen wurden. So hatten sich kürzlich in Düsseldorf die Sportexperten der Rundfunk- und Fernsehinstitutionen – von Euro-, Intervision, ABC (USA), CBC (Kanada), OTI (Lateinamerika) u. a. getroffen.

Ihre Aussprache aber galt weniger der Vergangenheit als vielmehr den Zukunftsaspekten für die Fußballweltmeisterschaft 1978 und den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid und Moskau. Die Kritik an Montreal fiel – wie nicht anders zu erwarten – sanft aus. Die Auffassungen sind zu unterschiedlich. Der gesamte Osten gab sich zufrieden. Wie sollte er auch anders! Er ist das nächste Mal dran und muß alles besser machen. Euphorie wird in solcher Situation am besten durch Vorsicht oder Zweckpessimismus ersetzt, obwohl man von gewaltigen Anstrengungen weiß. Israel äußerte sich in einem Fernschreiben begeistert, Cuba ebenfalls, die meisten waren mit Einschränkungen zufrieden.

Sie hatten ohnehin schon 1972 in München nicht die Vorteile der Bundesrepublik gehabt. Sie standen in einer Randsituation wie dieses Mal ARD und ZDF auch (ABC und CBC ausgenommen). Es geht hier also nicht darum, nach Fehlern zu suchen, die absichtlich sowieso keiner macht, sondern ein paar Gedanken sind angebracht, die zur spezifisch deutschen Situation passen. Vielleicht können sie die Diskussion sogar bereichern; Und dazu ist provokativ die These aufzustellen: Das Fernsehen manipuliert den Sport, es umgeht, die Realitäten!

Einige Bemerkungen zum Beweis: Der westdeutsche Fernsehzuschauer kennt kaum noch das Live-Erlebnis des großen Sports. Ein paar Fußballspiele machen eine Ausnahme. Sie sind wegen ihrer hohen Wettkampfintensität jedoch, schlechte Beispiele; Meistens sieht man bei uns Spitzenereignisse nach 22.30 Uhr oder später. Die Berichte werden, zusammengeschnitten auf 40, 30 oder gar nur 10 Minuten, obwohl die Realzeit dieser Veranstaltungen zwei und mehr Stunden betrug. So liefen Leichtathletiksportfeste von Zürich, Köln und Berlin in maximal 42 Minuten über die Bildschirme. In einem Fall waren sechs Läufe in einem Komplex von nur zehn Minuten erfaßt. Man beschäftigte sich dabei ausnahmslos mit Finals.

Vorkämpfe gab es nicht. Technische Disziplinen führten ein Schattendasein. Man sah bestenfalls den Sieger. Den Rest überlieferten die Redakteure – wie im Altertum, wo man nur die Namen der Sieger erwähnte – der Vergessenheit. Eine Schwimmveranstaltung im Range deutscher Meisterschaften in Bonn, die an jenem Tag mehrere Stunden dauerte, erhielt knappe zehn Minuten Sendezeit. Der Kommentator leitete sie mit den Worten ein: "Kanadische Pausen gibt es nicht!" Vom Bundesligafußball – des Sportfans liebstes Kind – sehen wir ohnehin nur Kurzberichte zwischen 4 und maximal 25 Minuten.

Wo also erlebt der Fernsehzuschauer noch die Realzeit, wo lernt er vor dem Bildschirm – mit Bierflasche, Cognac und Filzpantoffeln ausgerüstet –, daß es auf Sportfesten auch Pausen gibt? Pausen, die, selbst wenn sie wie beim Schwimmen in Montreal nach Mitternacht neun Minuten dauerten, zur tödlichen Langeweile werden. Das erzeugt Unzufriedenheit, die durch den Zeitfaktor potenziert wird, vor allen Dingen, wenn man sich den Schlaf um die Ohren haut. Fast ist es da leichter, auf die Schwiegermutter im Regen zu warten. Wer weiß vom bundesdeutschen Fernsehzuschauer, daß die Ruderfinale in Abständen von 35, die Kanufinale in Intervallen von 25 Minuten gestartet wurden? Was also tut man?