Der Anspruch der Kirchen in der Bundesrepublik auf öffentliche Geltung steht schon seit langem in einem Mißverhältnis zur Glaubensintensität ihrer Mitglieder. Das ist keine Behauptung von Atheisten, sondern Resultat eigener, kirchlicher Einsicht. Wer es bestreiten wollte, brauchte sich nur noch einmal die Kluft vor Augen zu führen, die sich angesichts der Reform des Paragraphen 218 und des Eherechts zwischen vielen Christen und ihren Amtskirchen aufgetan hat.

Daraus folgt nicht ohne weiteres ein Gewichtsverlust kirchlicher Autorität in Fragen, die mit der Moral oder, wie es in die Laiensprache übersetzt heißt, mit den Grundwerten der Gesellschaft zu tun haben. Die richtige Antwort auf solche Fragen kann durchaus unabhängig von mehrheitlicher Zustimmung innerhalb der Kirche oder im ganzen Volk sein. Wir wissen das spätestens seit der Hitler-Diktatur.

Doch wenn sich eine Kirche – wie jetzt bei uns einmal mehr die katholische – dazu aufgerufen fühlt, in einem freien Land mit einer humanitären Verfassung über die Wählbarkeit verfassungstreuer Parteien zu befinden, muß sie sich wohl nach ihrer Legitimation fragen lassen. Der Kölner Kardinal Höffner, amtierender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, hat den Sekretär eben dieser Konferenz ob seiner Äußerung desavouiert, jede auf dem Boden des Grundgesetzes stehende Partei sei in der Bundesrepublik wählbar.

Glaubt sich denn Höffner wirklich in der Rolle des weiland Münsteraner Bischofs Graf Galen, als der gegen die Euthanasie der Nazis protestierte? Oder verteidigt er nur Parteiinteressen, wenn er vom Staat in einem Atemzug den verstärkten strafrechtlichen Schutz des (ungeborenen) Lebens und des Privateigentums zum Zweck der Verteidigung von Grundwerten verlangt?

Steht der Arzt unter Gewissenszwang, dem es zugemutet wird, daß in seinem Krankenhaus eine Abteilung für Schwangerschaftsunterbrechungen entsteht, in der er nicht zu arbeiten braucht? Oder ist eher der Arzt in seinem Gewissen bedroht, dem ein von bischöflicher Intransigenz diktierter Kreistagsbeschluß bei Kündigungsdrohung verbietet, hilfsbedürftigen Schwangeren Hilfe zu gewähren?

Die Moral des Kardinals und der Bischöfe, in deren Namen er spricht, hat einen doppelten Boden. Und sie enthält, so müssen wir annehmen, als Schmuggelgut politische Konterbande, die auch durch den Anspruch der Kirche auf das sittliche Monopol nicht zollfrei gemacht wird.

Hans Schmitt.