Von Gisela Brüggemann

Im Alter von 18 Jahren beging Karl G. zusammen mit einem Freund einen Raubmord. Als Einundzwanzigjähriger wurde er zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Für den Vierzigjährigen erreichte ich einen Gnadenbeweis des nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten. Am 10. Juli 1969, dem Tag seiner Freilassung, hatten Karl G. 19 Jahre Zuchthaus und ich drei Jahre nervenaufreibender Bemühungen um seine Freilassung hinter uns. Seitdem sind sieben Jahre vergangen, und Karl G., dessen Weg in die Freiheit ich von Anfang an beobachtet hatte, lud mich wieder einmal ein. Äußerer Anlaß war der siebte Jahrestag seiner Freilassung. Dahinter stand jedoch mehr: Der ehemalige Lebenslängliche war inzwischen stellvertretender Chef eines 10-Mann-Betriebes geworden, und er bezog nun zum erstenmal in seinem Leben eine eigene Wohnung.

Karl G. sieht noch genauso magenkrank und faltig aus wie bei unserem ersten Zusammentreffen im Zuchthaus. Auch schmächtig ist er noch wie vor zehn Jahren. Und doch hat sich an ihm etwas ganz entschieden geändert. Das sind seine Augen, sein Blick; aus seinen Augen funkt Triumph. Umgeben von neuen Möbeln, zu Füßen seinen Kater Pascha, scheinen die Augen ständig zu sagen: Ich habe es geschafft.

Aber was Karl G. geschafft, was er sich und der Welt bewiesen hat, das darf die Welt, darf seine Umgebung nicht wissen. Die Vergangenheit muß noch immer im Verborgenen bleiben. Aber sein Stolz ist unüberhörbar. Und in der Tat hat der ehemalige Zuchthäusler es "draußen" geschafft wie selten einer seinesgleichen.

"Was ich bestimme, in unserem Betrieb, wird gemacht", sagt er und streicht dabei den wohlgepflegten Bart. "Seit der Chef sich zurückgezogen hat, schmeiße ich allein den Laden. Ich halte es nicht einmal für ein Wunder, daß der mich zu seinem Stellvertreter gemacht hat." Damit spielt er auf die nach seiner Meinung schlampige Arbeitsweise vieler seiner Kollegen an; da war das in der Zuchthausdruckerei doch anders. Dort herrschte Drill, und den halt Karl G. auch in seinem Betrieb für richtig. Aber er hält sich zugleich für untergebenen-freundlich.

Über all seinem Glück schwebt allerdings drohend das Damoklesschwert: "Wenn der alte Chef wüßte, daß ich einmal einen ermordet habe, mein Gott, das wäre ein Tiefschlag für ihn. Ich glaube, zuerst würde ich entlassen und dann träfe ihn ein tödlicher Schlag vor Enttäuschung."

Karl G. weiß sehr genau um das mögliche Urteil seiner Mitmenschen. "Gequassel von wegen Rübe runter" mag er nicht hören. Auch gegen "XY-Ungelöst" ist er allergisch. Er will mit solchen Dingen nicht mehr konfrontiert werden. 28 Jahre nach seiner Mordtat hat er zu dieser keinerlei Beziehung mehr. Das ist – wie Psychologen bestätigen – eine durchaus normale Entwicklung. Ich gewann bei meinem Besuch den Eindruck, daß Karl G. mit seinem Abstand zur Tat heute nicht mehr zu echtem Mitleid mit dem damaligen Opfer in der Lage ist. Den Mord nennt er "einen groben Fehler". Und: "Irgendwann muß Schuld doch einmal abgetragen sein. Ich kann nicht bis ans Lebensende hergehen und sagen, ich bin schuldig."