Die Feder ist ihre einzige Waffe – Seite 1

Von Karl-Heinz Janßen

Die festliche Versammlung im gotischen Dom zu Leiden horchte überrascht auf. Dirk Börner, (westdeutscher) Präsident des Exekutivkomitees von amnesty international, hatte in seine Dankrede das nebenstehende Zitat aus dem Gefängnisbrief des griechischen Professors und Widerstandskämpfers Georgios Mangakis eingeflochten. Keines hätte dem Ereignis angemessener sein können, dessentwegen sich Kronprinzessin Beatrix und Prinz Klaus nebst einer Schar von Ministern, Exzellenzen, Professoren und Hunderten von Ehrengästen herbemüht hatten, unter ihnen auch Frau Hilda Heinemann. Die niederländische Stiftung Praemium Erasmianum hatte in diesem Jahr ihren mit 100 000 Gulden dotierten Preis neben dem französischen Rechtsgelehrten René David der Gefangenenhilfsorganisation amnesty international zuerkannt, weil sie – wie es in der Begründung heißt – im Geiste des holländischen Humanisten Erasmus allüberall in der Welt für die Freiheit des Gewissens und der Meinung ficht, faire Verfahren vor unabhängigen Gerichten verlangt und unter allen Umständen gegen die Folter ankämpft.

Seit nunmehr fünfzehn Jahren schon. Die Geschichte von den Anfängen dieser Bewegung hört sich bereits an wie eine Legende aus fernen Zeiten. Eines Morgens im Frühjahr 1961 las der britische Rechtsanwalt Peter Benenson in der Zeitung, zwei portugiesische Studenten seien für sieben Jahre ins Gefängnis gesteckt worden, weil sie in einem Restaurant auf die "Freiheit" angestoßen hatten. Es war eine Meldung der Art, wie sie einem beim Frühstück durch den Rundfunksprecher oder die Morgenzeitung täglich serviert wird: "Wieder neun Tote in Rhodesien" (damals hieß es "Vietnam"), "Neue schwere Kämpfe im Libanon", "Verhaftungen in Argentinien", "Hinrichtungen in Khartum" und so weiter. Dem Zeitungsleser oder Rundfunkhörer ergeht es so wie damals dem Engländer Benenson: Ihn "befällt ein lähmendes Gefühl der Ohnmacht".

Aber Benenson gab sich nicht länger damit zufrieden. Er hatte sich seit Jahren schon um das Schicksal politischer Gefangener in verschiedenen Ländern gekümmert – als Verteidiger, als Beobachter, als Journalist. Es empörte ihn, daß in einem europäischen Land, noch dazu einem der Nato angehörigen, junge Menschen ihrer Überzeugung, vielleicht sogar nur ihres Übermuts wegen eingekerkert wurden. Was tun? Vor der portugiesischen Botschaft in London zu protestieren, hätte ihnen die Freiheit nicht wiedergebracht. "Und doch", sagte sich Benenson, "wenn es gelänge, dieses Gefühl des Abscheus, das überall in der Welt vorhanden ist, in gemeinsames Handeln umzumünzen, könnte man vielleicht wirksam etwas dagegen unternehmen."

Benenson schrieb für den Observer seinen berühmten Artikel "Die vergessenen Gefangenen", einen Aufruf an die Weltöffentlichkeit, allenthalben für eine Amnestie jener Gefangenen einzutreten, die wegen ihrer politischen oder religiösen Überzeugung oder wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Abstammung, ihrer Sprache hinter Mauern und Stacheldraht saßen. Ein Büro in London sollte Informationen über diese Gefangenen sammeln. Das Echo war außergewöhnlich: Nicht, nur aus England, wo es uneigennützige Helfer der Humanität immer in Hülle und Fülle gab, sondern aus allen Teilen der Welt kam Zustimmung. Die Amnestie-Kampagne, vorerst nur auf ein Jahr beschränkt, wurde zur dauerhaften Institution.

amnesty international etablierte sich unter eher romantischen Verhältnissen in einem Keller – auch jetzt haust es, nach mehreren Umzügen, noch immer in einem schäbigen Lagerhaus in London. Das Vermögen der Organisation hatte anfänglich in einer Tüte Platz, und Porto bezahlten die paar ehrenamtlichen Helfer aus eigener Tasche. Heute arbeitet das Hauptquartier von amnesty international mit einem Stab von achtzig Personen und einem internationalen Management, verfügt über ein strengbewachtes, wohlverschlossenes Dokumentations- und Ermittlungszentrum, um das es von vielen Geheimdiensten der Welt beneidet wird, gibt allein für Sekretariat und Archiv jährlich 1,6 Millionen Mark aus und stützt sich auf nahezu 100 000 Mitglieder in 78 Ländern der Erde, amnesty international hat mittlerweile beratenden Status bei den Vereinten Nationen, beim Europarat und bei der Unesco erlangt. Jedes Jahr zahlt es etwa 700 000 Mark allein an Unterstützungsgeldern, von denen das meiste den Familien politischer Häftlinge zufließt.

Mehr als 1650 Einzelgruppen wirken zur Zeit in allen Kontinenten. Sie arbeiten nach dem Dreierprinzip: Jede Gruppe "adoptiert" je einen Gefangenen aus einem Land des Ostblocks, des Westens und der Dritten Welt, doch darf es nie ein Häftling aus dem eigenen Land sein. Auf diese Weise bewahrt sich die Organisation ihre Überparteilichkeit und Unbefangenheit. Die Adoptivgruppen kümmern sich um den Gefangenen und seine Angehörigen, schicken Briefe und Päckchen ins Gefängnis oder Lager, besorgen einen Rechtsbeistand, bestürmen Botschaften, Regierungen, Gerichte, Gefängnis- und Lagerverwaltungen mit höflichen Briefen und Postkarten und versorgen die Presse mit Informationsmaterial (ein Beispiel ist der Bericht über zwei verbannte russische Juden auf dieser Seite). Nebenher müssen sie auch noch Geld sammeln und Sympathisanten werben.

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"Unter meinen wenigen Habseligkeiten befindet sich ein Bild des Erasmus, ein Zeitungsausschnitt. Ich betrachte es oft, es wirkt beruhigend auf mich. Er ist im Profil abgebildet, und es ist gut so. Er sieht nicht mich an, er zeigt, wohin ich schauen soll. Er verrät mir die Solidarität des Blickes. Das Bedürfnis nach dieder Solidarität ist im Gefängnis so groß wie das Bedürfnis nach Wasser, nach Brot, nach Schlaf. Bei ihren Durchsuchungen fanden sie das Erasmus-Bild, aber sie nahmen es mir nicht weg. Sie verstehen, nicht. Sie wissen nicht, wie gefährlich die Weisen ohne Arg sind."

Georgios Mangakis, 1971

Alle Mitglieder, bis auf ein paar hauptamtliche, mehr schlecht als recht bezahlte Kräfte in den Zentralen, arbeiten ehrenamtlich und freiwillig. Es sind zumeist junge Leute: Schüler, Studenten, Lehrer, aber auch Hausfrauen, Kaufleute, Anwälte, Gelehrte. Sie müssen hohen Ansprüchen genügen, sollen sich – wie es in der Leidener Laudatio heißt – auf wissenschaftliche Methoden, auf Dokumentation und Ermittlung verstehen, aber auch journalistisches Gespür und diplomatisches Geschick besitzen, ebenso intelligent wie behend und einfallsreich vorgehen, dauernd für neue Probleme aufgeschlossen sein, dürfen keine Mühen und keinen Zeitaufwand scheuen und können doch nie gewiß sein, ob ihre Einzelarbeit jemals von Erfolg gekrönt sein wird. Nur selten erlebt ein Mitglied die Genugtuung, daß auf Grund seines persönlichen Einsatzes "sein Gefangener" freikommt – in den meisten Fällen muß sich amnesty international damit begnügen, vorbeugend Schlimmeres – längere Strafen, unfaire Prozesse, unwürdige Behandlung – verhütet zu haben, Unrechtszustände und Verbrechen gegen die Menschheit anzuprangern und vielen Regierungen lästig zu fallen. Und sich daran zu freuen, daß seit 1961 neuntausend "adoptierte" Häftlinge freigelassen wurden, aus welchen Gründen auch immer.

Die Aufgabe der Organisation ist an strikte Regeln gebunden: Es dürfen nur sogenannte "Gewissensgefangene" unterstützt werden, die ohne Terror und Gewalt für ihre Sache eingetreten sind. Politische Gewalttäter können nur dann auf Hilfe rechnen, wenn sie gefoltert wurden oder ihnen die Todesstrafe droht. Trotz dieser Vorbehalte erwirbt sich amnesty international unter den Herrschenden keine Freunde, nicht einmal im eigenen Lande, wie das Verhalten britischer Behörden bewiesen hat, die an Berichten über politische Häftlinge in der Kronkolonie Aden und über Folterungen in Nordirland Anstoß nahmen. Nach dem Yom-Kippur-Krieg stellten Beobachter von amnesty international fest, daß sowohl in Syrien als auch in Israel Kriegsgefangene gefoltert wurden – seither ist die Organisation in beiden Ländern verpönt. In der Bundesrepublik rümpften etliche die Nase, als sich ausländische Gruppen für die Haftbeschwerden der Baader-Meinhof-Gruppe interessierten, und sogar in der bedächtig-demokratischen Schweiz gingen die Wogen hoch, als sich amnesty international der Militärdienstverweigerer annahm.

Die Mitglieder sind es gewohnt, als CIA-Agenten, Kommunistenfreunde und Verfassungsfeinde verleumdet zu werden. Sie müssen dauernd gewärtig sein, auf verschlossene Türen zu stoßen, man verweigert ihnen die Einreise, verweist sie des Landes oder stellt sie sogar als Spione vor Gericht. Um so höher sind die publizistischen Erfolge zu bewerten, die amnesty international gerade in den letzten Jahren zu verzeichnen hatte. Allein im vergangenen Jahr tauchte der Name der Organisation in den Nachrichten öfter auf als in den ganzen fünf Jahren zuvor.

Auch in der Bundesrepublik – sie stellt mit 520 örtlichen Gruppen die größte Sektion (vor Holland) und das höchste Beitragsaufkommen – hat sich amnesty international mittlerweile allseitige Anerkennung verdient. Ihre großen Berichte über politische Verfolgung in anderen Ländern werden sowohl von der Frankfurter Rundschau wie von der Welt beachtet. Auch in der Sowjetunion hat amnesty international Wurzeln geschlagen. Durch Andrej Sacharow erfuhr die Weltöffentlichkeit, wie dort die Gruppen unnachsichtig verfolgt und hart bestraft werden: Sergej Kowaljow landete im Gefängnis, Andrej Twerdochljebow wurde nach Sibirien verbannt, wo die Familie Sacharow ihn vor kurzem besucht hat.

Der große Bericht über die Folter in der Welt wurde in vielen tausend Exemplaren verbreitet und veranlaßte schließlich die Vollversammlung der Vereinten Nationen, in einer Entschließung die Abschaffung der Folter zu fordern. Dennoch hat amnesty international keinen Grund zum Frohlocken: Es wird eher mehr als weniger gefoltert, auch in Ländern, die jene Resolution mit verabschiedet haben. Was soll man auch anderes erwarten, wenn jetzt sogar ein Ministerpräsident in der so freiheitlich verfaßten Bundesrepublik die Folter unter bestimmten Bedingungen für vertretbar hält.

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Seit der Stab von amnesty international seine Nachforschungen in Lateinamerika verstärkt hat, weiß die Welt genauer Bescheid über den Grad der Unterdrückung und des Polizeiterrors in Chile, Argentinien und anderen Ländern. Die Mitteilung, daß in Uruguay in drei Jahren 22 Menschen zu Tode gequält wurden, hat sicherlich letzte Woche zu der amerikanischen Entscheidung beigetragen, die Militärhilfe für diesen einst als "Musterländle" gerühmten Staat zu streichen. Sehr ungelegen kam der Sowjetunion nach Helsinki der amnesty-Bericht über "Gewissensgefangene" in sowjetischen Gefängnissen, Lagern und Nervenkliniken. Letzten Monat machte sich das Londoner Büro in der Tschechoslowakei unbeliebt, als es Einzelheiten über die Verfolgung tschechischer Popgruppen veröffentlichte (ein Beobachter von amnesty international wurde beim Prager Prozeß zwar zu-, aber nicht eingelassen).

Ende Dezember will amnesty international ein "Jahr der Gewissensgefangenen" proklamieren, im Jahr darauf soll ein weltweiter Feldzug gegen die Todesstrafe eröffnet werden. Große Vorhaben fürwahr, die das Symbol der Gruppen – eine von Stacheldraht umwundene Kerze – den Menschen noch tiefer ins Gedächtnis prägen, noch mehr Idealisten für diese völkerverbindende Sache mobilisieren, noch mehr Journalisten auf die Fährte des Unrechts setzen, noch mehr Geldquellen öffnen werden, amnesty international läßt sich weder totschweigen noch unterdrücken, solange noch irgendwo Menschen ihre Freiheit lieben und sich deswegen um die Freiheit anderer sorgen. In dieser Weltorganisation ist der Geist in den Schwachen mächtig geworden.