ZDF, Freitag, 17. September: "Der Opportunist oder Vom Umgang mit Besatzern" von Theodor Schübel, Regie Karl Fruchtmann

Ein Pazifist bis zur Feigheit oder ein Kollaborateur aus uneigennützigem Opportunismus? Ein pragmatischer Politiker, der das berühmte kleinere Übel wählte, oder gar ein Retter Frankreichs vor "bolschewistischem" und anderem Chaos? Wer war jener Pierre Laval, der nach dem Einmarsch der Nazi-Truppen in Frankreich das Ministerpräsidentenamt unter Marschall Pétain übernahm, als Premier des Vichy-Regimes zwischen Ansprüchen der deutschen Besatzungsmacht, Widerstand der französischen Resistance-Bewegung und Kollaboration französischer Faschisten lavierte?

Fragen, auf die der kurze Prozeß, der Laval nach Kriegsende in Frankreich gemacht wurde, nur ungenügend einging. In Presse und Öffentlichkeit war der Stab bereits über Laval gebrochen, bevor er am 5. Oktober 1945 vor Gericht gestellt wurde. Am 9. Oktober wurde er hastig zum Tode verurteilt, am 15. Oktober – nach einem mißglückten Selbstmordversuch – erschossen. Der politische Opportunist Laval als Opfer einer opportunistischen Justiz und Politik: der deutsche Dokumentarist Theodor Schübel ("Rote Fahnen sieht man besser") rekonstruierte auf Grund eigener Recherchen und der Memoiren der Anwälte Lavals den brisanten Fall. In Gesprächen mit Gefängniswärtern und Anwälten rechtfertigt Laval (Arno Assmann) seine Handlungen, werden zugleich die gedanklichen Gegenpositionen eindringlich verdeutlicht.

In Frankreich, das seine "unbewältigte Vergangenheit" mindestens genauso gern verdrängt wie wir Deutsche, hat erst in jüngster Zeit Louis Malle mit "Lacombe Lucien" ein verwandtes Sujet an die Öffentlichkeit gebracht. Malle hat einen Kinofilm inszeniert, Regisseur Karl Fruchtmann orientiert sich eher am Theater, um nicht zu sagen: am Hörspiel. In asketischer, optischer Selbstbescheidung konfrontieren Schübel und Fruchtmann die Zuschauer mit einer sparsam szenisch aufgelösten Pro- und Contra-Diskussion, gewissermaßen der TV-Form des berüchtigten deutschen "Besinnungsaufsatzes".

Gewiß, die Mehrheit der deutschen Fernsehgemeinden dürfte an diesem Abend ohnehin Gast im Ohnsorg-Theater des Konkurrenzkanals gewesen sein, doch muß man deswegen den gutwilligen Rest der Zuschauer sinnlich frustrieren? Gedankliche Qualität, politischen Ernst, moralischen Anspruch im Dokumentarspiel mit optischer Selbstverstümmelung zu identifizieren, heißt im Medium Fernsehen freiwillig auf Zuschauer zu verzichten. Gerade bei einem so wichtigen Thema ist das besonders zu bedauern. Sollte freilich schlicht das Budget für diese Art von Fernsehspielen zu knapp sein, sollte man die Sparte wirklich lieber den Rundfunkkollegen überlassen.

Bodo Fründt