Wenn erfolgreiche Werbung darin besteht, den Umworbenen übers Ohr (und auf den Kopf) zu hauen, dann steht heute schon fest, wer bei den Wahl-Werbespots Sieger sein wird: die Partei, die sich die christliche nennt. Die CDU/CSU und ihre Werbestrategen nämlich führen, entschlossener als all ihre Rivalen, vor, wozu man das Fernsehen brauchen (und mißbrauchen) kann: als ein Instrument von Demagogie und Lüge. Ich weiß, das sind grobe Worte – feinere aber sind kaum angebracht angesichts einer Fernsehveranstaltung, die zur Verrohung der Umgangsformen mehr beiträgt als aller "Bonanza"- und "Columbo"-Schund zusammen.

Die Dramaturgie ist immer dieselbe: am Anfang der Blick in ein schönes, buntes Märchen-Deutschland, wo die Segelflugzeuge am blauen Himmel kreisen, schmucke Schiffe das Wasser durchpflügen, wo die Menschen noch frei und glücklich sind. Deutschland geteilt durch Disneyland – und die Stuyvesant-Generation geht ihren Weg. Dann ein jäher Stil- und Klimawechsel: Schwarzweißphotos plötzlich, Gruselmusik. Eine planvoll chaotische Bildercollage beginnt: Pankows Soldaten im Stechschritt, Pankows Panzer im Manöver, Helmut Schmidt, innig vereint mit Leonid Breschnjew ("Der Weltkommunismus lächelt. Die Linkskoalition lächelt mit"). Womit die weltweite Verbrüderung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten nicht bewiesen, immerhin aber taktvoll angedeutet wäre. Dies ist die finstere, die sozial-liberale Welt, in der wir seit 1969 leben.

Die Wahlwerbung der christlichen Parteien grenzt an politische Kriminalität – doch man muß ihnen zugestehen, daß sie ihr böses Geschäft verstehen. Sie haben begriffen, daß man mit Bildern nichts, also alles beweisen kann – daß man allein mit schnellen, effektvollen Schnitten Zusammenhänge suggerieren kann, die keine sind; daß man in zweieinhalb Minuten mit Unterstellungen sehr viel wirkungsvoller operieren kann als mit Argumenten. Und sie haben das Glück, für ihr Wahltheater einen Hauptdarsteller gefunden zu haben, der noch den unseriösesten Attacken einen Anschein von Seriosität und Biederkeit geben kann – Helmut Kohl, der am Ende der Spots im Bild erscheint und seine vorher in Angst versetzten Mitbürger wieder beruhigt: Ich werde das Haus schon in Ordnung bringen. Nach zwei Minuten Demagogie dreißig Sekunden Väterlichkeit, nach den Horrorbildern die Heimkehr in den Blauen Bock: wirkungsvoller als in diesen Werbespots kann man nicht an das Abgründige und an das Gemütliche in Herrn Michel appellieren.

Wie harmlos dagegen die Bemühungen und Schwindeleien der anderen Parteien: der Kanzler, der einem schönen Mädchen Rede und Antwort steht. (Nur ist das Interview gar kein Interview, es gibt gar keine Fragen zu den Antworten, nur verbale Hilfestellungen). Oder die FDP, die sich in einem Auftritt von unwiderstehlicher Komik präsentierte: die "vier, auf die es weiter ankommt", beim gemeinsamen Frühstück, eifrig sich selber lobend. Bilder von trautem, familiärem Zauber: die Herren Minister und das Kaffeegeschirr.

Mitleid mit den Kleinen: weil sie nicht reich und nicht clever genug sind, um flotte Werbespots zu produzieren, sagen sie ganz einfach vor der Kamera ihre Sprüche auf: zu dritt (die AUD), zu zweit (die NPD) oder im Solovortrag (DKP, AVP). Sie sagen, was sie denken, und Gedanken sind nicht nur frei, sondern oft auch sehr komisch. Die schönsten Auftritte hatten zwei Kleindarsteller: ein bayerischer Mensch (Ludwig Volkholz, Christlich-Bayerische Volkspartei) wetterte gegen den "preußischen Radikalismus" des Franz Josef Strauß und forderte zum gemeinsamen Gebet auf. Und eine junge Dame von der Europäischen Arbeiterpartei (EAP) stellte sich so vor: "Guten Abend, ich bin die Kanzlerkandidatin der neuen Weltwirtschaftsordnung. Wenigstens ein versöhnlicher, rührender Augenblick in einem unversöhnlichrüden Wahlkampf: die bessere Frau muß Kanzler werden! Benjamin Henrichs