Von Eduard Goldstücker

Mein Vater wäre jetzt hundert Jahre alt. Er ist aberseit 52 Jahren tot, ein nachträgliches Opfer des Ersten Weltkrieges, gestorben an Malaria, die er aus Albanien mitgebracht hatte. Ein Jahr nach seinem Tod büßte seine Familie – meine Mutter, ältere Schwester und ich – bei einer Überschwemmung ihre gesamte bescheidene Habe ein. Auch die wenigen Photographien meines Vaters wurden damals vernichtet. Wir besaßen später nur ein kleines, von Verwandten erworbenes Lichtbild aus meines Vaters jungen Jahren.

Zwanzig Jahre nach seinem Tod ist dieses letzte vorhandene Bildnis zusammen mit allen in Hitlers Machtbereich lebenden Familienangehörigen ebenfalls der Vernichtung anheimgefallen. Etwa gleichzeitig wurde das Grab des Vaters dem Erdboden gleichgemacht, sein Grabstein zertrümmert und somit jede Spur seines irdischen Daseins beseitigt.

Ich bin der einzige Überlebende, der in Erinnerungen manchmal bei meinem Vater weilt und alljährlich seines Geburts- und Todestags gedenkt. Alle anderen, die es tun könnten, sind längst gestorben, keiner eines natürlichen Todes. Zwei Brüder meines Vaters, seine Witwe, Tochter, sein Schwiegersohn und Enkel wurden von Nazis umgebracht. Ein zufällig am Leben gebliebener Augenzeuge hat mir das Martyrium meiner Mutter, Schwester und ihres zehnjährigen Sohnes bis zu ihrer Ankunft in Auschwitz, der Selektion auf jener infernalen Eisenbahnrampe und dem Abschub in die Gaskammern geschildert.

Nach dem großen Sieg vergingen nur wenige Jahre, bevor auch ich, ohne es zu wissen, einem Selektionsverfahren unterworfen wurde, das, wenn man die propagandistischen Vorspiegelungen endlich durchschaut hatte, erschreckende Analogien zum nazistischen erkennen ließ. Der Vergleichspunkt besteht hier darin, daß da wie dort der Bürger von den Machthabern nur als Untertan, als bloßes Mittel zu ihrem jeweiligen Zweck betrachtet wurde, wobei die Herrscher die Lebensmöglichkeiten des einzelnen (oder auch deren Verweigerung) eigenmächtig bestimmten, oft – wenn es momentan vorteilhaft schien – nach Gesichtspunkten, für die nicht das Tun und Lassen des Bürgers, sein wirklicher Lebenswandel und Charakter, sondern willkürliche, meistens ihm unterstellte oder von seinem Willen unabhängige Merkmale entscheidend waren.

Wem dieser Vergleich etwa unangebracht scheint, der wolle bedenken, daß vom Blickpunkt des Unterdrückten ein Unterdrücker dem anderen sehr ähnlich sieht, denn er wird in erster Linie als Unterdrücker empfunden, und der ihn umhüllende ideologische Mantel kommt erst an zweiter Stelle in Betracht.

Im erwähnten Selektionsverfahren wurde ich insgeheim in die Kategorie der zu Beseitigenden eingereiht und, als die Zeit kam, verhaftet, um noch als Sündenbock von Nutzen zu sein. Die erfolgreiche Durchführung einer solchen Operation setzt aber voraus, daß das Opfer entwürdigt und der Untertanen-Masse glaubhaft als gesellschaftlich schädlich, subhuman dargestellt werde. Das Opfer muß verleumdet, in Verruf gebracht werden; der Charaktermord geht dem physischen Mord voran.