Von Nina Grunenberg

Zehn Tage vor der Wahl: Der schwedische Wahlsonntag fügt sich glatt in die Pech- und Pannensträhne der Sozialdemokraten ein. Die Nasenlänge Vorsprung, die der sozialliberalen Koalition nach wie vor bescheinigt wird, erscheint zu unsicher, als daß sie die Genossen vor einem Stimmungstief bewahren könnte. Jetzt flüchten sie wieder in ihre Trotz- und Drohhaltung, die ihnen in 113 Jahren Sozialdemokratie zur zweiten Natur wurde. Nicht einmal über den klaren Sieg der Sozialisten am europäischen Hosenknopf Malta können sie noch lachen.

Die CDU fühlt sich durch den Wechsel in Stockholm in ihrem eher über den Daumen gepeilten als bewußt geführten Feldzug gegen die Bevormundung der Bürger vollauf gerechtfertigt. Sie könnte aus dem Sieg der Konservativen noch mehr Kapital schlagen, wenn sie sich beizeiten auf die schwedischen Sozialisten eingeschossen hätte. Doch wenn Helmut Kohl im Wahlkampf gegen den Sozialismus wettert, beschränkt er sich bislang auf die Brüder in der DDR, die Russen, die Kommunisten und die Kosaken im allgemeinen.

Ob sich das schwedische Ergebnis konkret auf die Bundestagswahl auswirken wird, bleibt den Spekulationen der Meinungsforscher überlassen. Das diffuse Licht, in das die deutsche Wahlkampfszene getaucht ist, wird durch das Signal aus dem Norden nicht klarer. Dabei hatte es gerade in der vergangenen Woche so ausgesehen, als hätten die Sozialdemokraten endlich Rückenwind bekommen. Allzu lange hatten sie zugeschaut, wie Helmut Kohl mit kühnen Schlägen auf den See hinausgerudert war, als sie selber noch "faul, satt und zufrieden" (Selbstbekenntnis eines Sozialdemokraten) am Ufer standen.

Nach dem Blitzstart von Helmut Kohl hatte es vorige Woche den Anschein, als habe er zu früh losgelegt. Vierzehn Tage vor dem Ziel schien ihn das Schicksal des Ruderers Kolbe zu ereilen – ihm ging die Luft aus. Dabei wirkte er aufgedreht wie ein Kreisel, auf dem Rednerpult fahrig, in den Bewegungen der Glieder unkoordiniert. Die Erregung, in die er sich selber beim Vortrag seiner Wahlkampf rede versetzt und die, auch wenn er’s ernst meint, leicht forciert wirkt, klingt selbst im kleinen Kreis der Journalisten nicht so schnell ab. Der Kampf um die Zuversicht ist hart und will über die Runden gebracht werden, gleichgültig ob vor 20 oder vor 5000 Leuten.

Die Behauptung eines CDU-Mannes, Kohl könne es sich leisten, "Stuß zu reden", solange er die Leute begeistere wie Ludwig Erhard oder Willy Brandt, kann sich da plötzlich auch in ihr Gegenteil verkehren – wie letzte Woche in Bochum. Als Helmut Kohl dort an der Seite Kurt Biedenkopfs auftauchte, um seinem Generalsekretär im Revier-Wahlkampf zu helfen, war mit einem Male deutlich, daß es keineswegs egal war, was er sagte. Die Leute auf dem Husemannplatz zeigten sich – trotz oder auch wegen "Opas SPD" – nicht sonderlich enthusiasmiert. Einige gingen kopfschüttelnd davon.

Auch tags zuvor im Harz hatte schon die rechte Begeisterung der Wähler gefehlt. In der Arbeiterstadt Salzgitter wirkten Kohls Wort hohl. Erst in der Bischofsstadt Hildesheim fand der Kanzlerkandidat wieder den rechten Resonanzboden. Aber wenn er sich dazu versteigt – im Anklang an das berühmte Wort John F. Kennedys: "Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst" –, freihändig zu variieren: "Was können wir tun: Du, unser Staat, ich bin bereit zu tun, zu geben ...", dann vermag auch der Beifall von zehntausend nicht mehr diesen armseligen deutschnationalen Verschnitt zu verdecken.