Von Carl-Christian Kaiser

Wer ist Helmut Kohl? Das herauszufinden bemühen sich jetzt viele: vor allem seine sozial-liberalen Widersacher, die politischen Schlachtenbummler und nicht zuletzt jene Wähler, die noch schwanken, wem sie am 3. Oktober ihre Stimme geben sollen. Was bewegt den Kanzlerkandidaten der Opposition? Und warum bewegt er, glaubt man den Meinungsforschern, die Hälfte der Wähler? In den allgemeinen Reden, die Kohl jetzt in den Wahlländer führt, steckt wenig Auskunft.

Augenblicksporträts gibt es natürlich wie Sand am Meer. Aber eine Analyse, die einordnet, Zusammenhänge herstellt und Wurzeln freilegt, fehlt bisher. Da hilft auch der Gang in den Buchladen nicht viel. Denn die Regale dort sind, merkwürdig genug, nur mit wenigen Titeln bestückt. Zum Beispiel mit dem Bändchen von

Frank Hermann: "Helmut Kohl. Vom Kurfürst zum Kanzler"; Verlag Bonn Aktuell, Stuttgart 1976; 136 S., 18,– DM.

Schon der kühne (Wunsch-) Titel verrät, um was es sich handelt. Der Autor, der sich wohl hinter einem Pseudonym verbirgt, ist Mainzer Hofsänger. Zwar hält er sich formal an seinen Vorsatz, über Person, Politik und Programm des Mannes zu berichten, den er bereits als Kanzler sieht. Aber sein Bericht gerät ihm zum Heldenepos, das Porträt zum Monumentalgemälde, dessen Aussagekraft freilich in umgekehrtem Verhältnis zu den gewaltigen Pinselschlägen steht. Er geht mit der gleichen "ungestümen Dynamik, enormen Willenskraft und vulkanischen Energie" zu Werke, die er seinem Sujet bescheinigt. Gelegentlich eingeschobene kritische Halbsätze wirken nur wie ein Alibi; allein in dem Kapitel über das Verhältnis zwischen Kohl und Strauß finden sich Ansätze zu objektiver Analyse. Sonst aber gibt es bloß Kitsch, Lobhudelei und miserablen Stil: "Nur auf den Gipfeln der Macht fühlt sich der politische Alpinist aus der Pfalz in seinem Element. Aber er weiß, daß dort die strahlende Sonne des Triumphs und auch Nebel, Eiseskälte und Einsamkeit in ewiger Nachbarschaft heimisch sind." Dann guten Aufenthalt.

Neben diesem Hermannsdenkmal nimmt sich das Buch von

Wolfgang Wiedemeyer: "Helmut Kohl. Porträt eines deutschen Politikers"; Osang Verlag, Bad Honnef 1975; 216 S., 20,– DM