ZEIT: Herr Bundeskanzler, Regierungsparteien und Oppositionsparteien liegen seit Wochen Kopf an Kopf. Wie erklären Sie das?

Schmidt: Zunächst einmal ist "Kopf an Kopf" nicht richtig, sondern seit Wochen führt die Koalition vor der CDU/CSU mit rund drei Prozentpunkten Vorsprung.

ZEIT: Nach wessen Feststellung?

Schmidt: Nach sämtlichen Meinungsforschungsinstituten, die es gibt, einschließlich Frau Noelle-Neumann. Sie hatte zuletzt nur 2,8 Prozent; sie ist die einzige, die unter 3 Prozent liegt.

Das ist sehr stabil. Es drückt einen Zustand aus, den wir seit Jahren kennen. Die CDU/CSU hat in Deutschland ein Wählerpotential von weniger als 50 Prozent. Ein einziges Mal, und zwar 1957, ist es Adenauer gelungen, über die absolute Mehrheit der Abgeordneten hinwegzukommen, aber es gelang auch ihm damals nicht, 50 Prozent der Wähler zu erreichen. Das hat sich im Grunde nicht geändert.

Seit mehr als einem Jahrzehnt haben Sozialdemokraten und Freie Demokraten zusammen ein Potential, das größer ist als 50 Prozent. Auch dies hat sich nicht geändert. Es gab einmal in 25 Jahren einen Wahlkampf, der von den gewohnten Formen und Inhalten der Auseinandersetzungen abwich: 1972. Dies hatte zwei Gründe. Die CDU wollte eine seit drei Jahren betriebene, von aller Welt begrüßte, in Deutschland auch innerlich akzeptierte Ergänzung der Außenpolitik, nämlich die notwendige Öffnung zur Vertragspolitik auch gegenüber dem Osten, rückgängig machen. Sie verband das darüber hinaus noch mit dem fehlgeschlagenen Versuch, den Mann – Willy Brandt – zu stürzen, der diese Politik eingeleitet hatte.

Die CDU/CSU hat dies 1972 mit einer besonders niedrigen Ausschöpfung ihres Potentials bezahlt. Die sozial-liberale Koalition hat dafür 1972 eine besonders hohe Ausschöpfung ihres Potentials, möglicherweise eine Erweiterung ihres Potentials als Honorar erfahren. Dieses Mal stehen dermaßen tiefgehende Auseinandersetzungen für das Wählerpublikum erkennbar nicht bevor. Zusammengefaßt: Die Stabilität der Wählerstimmenverteilung in den letzten sechs Wochen ist ein interessantes Faktum. Man darf nicht ausschließen, daß es noch zu Verschiebungen kommt. Ich kann mir gut einen bandwagon-Effekt vorstellen zugunsten derjenigen, die nun seit Wochen konstant führen.