Von Karl-Heinz Janßen

Die Psychohistorie ist eine ziemlich neue Wissenschaft, sie muß noch um Anerkennung ringen, vor allem bei den auf bewährte Methoden eingeschworenen Fachhistorikern. Was sie für die Bewältigung der Vergangenheit leisten kann, hat in jüngster Zeit der Heidelberger Familientherapeut Helm Stierlin mit seiner Studie über Adolf Hitler demonstriert (Hitler verstanden als ein Delegierter seiner Mutter, der seine Identitätskrise auf das eigene Volk überträgt und das Martyrium der Mutter an den Juden rächt). In Amerika, wo diese Nachbarwissenschaft der Geschichte zu Hause ist, hat jetzt ein Politikwissenschaftler und China-Experte, Professor am Massachusetts Institute of Technology, auch das Leben Mao Tse-tungs analysiert, den Großen Vorsitzenden sozusagen auf die Couch gelegt. Das Buch erschien kurz vor Maos Ableben:

Lucian W. Pye: "Mao Tse-tung. The Man in the Leider"; Basic Books, New York 1976; 346 S., 12,95 8.

Skeptiker werden bereits im ersten Absatz seines Vorworts gewarnt: "Einige Leute werden durch die Vorstellung, daß Kindheitserlebnisse auf Verhaltensweisen von Erwachsenen abfärben können, aufgebracht, ja geradezu entflammt, und ihr Blut gerät ins Kochen besonders dann, wenn dies bei großen Männern der Geschichte der Fall sein soll. Jeder, der sich solche Neigungen zutraut, sollte nicht weiterlesen."

Wer dennoch weiterliest, wird zwar viele seiner Bedenken und Vorurteile bestätigt finden, aber auch manche Einsichten in das notorisch komplizierte Charakterbild des Vorsitzenden Mao gewinnen. Die Persönlichkeitsdeutung, die uns Professor Pye anzubieten hat, läßt sich kurz etwa so zusammenfassen: Mao, als Erstgeborener, wurde von seiner Mutter besonders zärtlich umhegt, da sie erst nach der Geburt eines Stammhalters von der Familie und der Dorfgemeinschaft als vollwertig anerkannt wurde. Das Kind fühlte sich aber in seiner Eigenliebe verletzt und von der Mutter zurückgestoßen, als sie nach etwa zwei Jahren ihre Aufmerksamkeit dem nachgeborenen Bruder zuwenden mußte. Aus diesem Erlebnis in frühester Kindheit resultiert sowohl das Rebellentum als auch das Charisma des chinesischen Revolutionärs. Er wurde zum Rebell, weil seine Erwartungen vom Leben nicht erfüllt wurden; er konnte, weil er einmal Geborgenheit empfunden hatte, den Massen das Gefühl von Glück und Zuversicht vermitteln, blieb aber, wegen seiner enttäuschenden Erfahrungen, zugleich verschlossen, distanziert, einsam. Er war unfähig, sich dauerhaft an Frauen, Kinder, Freunde zu binden.

Professor Pye hat alles erreichbare Material über Mao zusammengetragen, um seine Analyse abzusichern. Dennoch bleiben seine Erkenntnisse lückenhaft, da Mao, wie andere kommunistische Führer auch, sein Privatleben vor der Öffentlichkeit abgeschirmt hatte. Sein amerikanischer Psychoanalytiker entgeht nicht immer der Versuchung, Hypothesen als bewiesen auch dann anzunehmen, wenn uns Mao keine Antworten gibt. Mao Tse-tung hat sich in seinen Gesprächen mit Henry Kissinger und anderen ausländischen Besuchern niemals über seine eigene Familie geäußert; es ist auch kein persönliches Wort der Trauer über den Soldatentod seines ältesten Sohnes bekannt – aber darf man daraus schon folgern, das Schicksal seiner eigenen Kinder sei ihm gleichgültig gewesen? Pye kommt es merkwürdig vor, daß Mao auch zum Tod seiner drei Geschwister schweigt – alle kämpften im Bürgerkrieg an seiner Seite und wurden von der Kuomintang getötet –, aber woher will er das so genau wissen?

Mit beinahe viktorianischer Prüderie rügt Pye Maos Verhalten gegenüber seinen drei Frauen: er habe es nicht für nötig befunden, seine erste Frau auf der Flucht mitzunehmen – er habe bereits zwei Jahre vor der Hinrichtung dieser Frau "sein Bett mit einem anderen Mädchen geteilt, das dann seine zweite Frau wurde" – er habe die zweite Frau verstoßen, weil er sich in Tschiang Tsching verliebte, die jetzige Witwe Mao, der es ähnlich erging wie den anderen. Im Falle Tschiang Tsching kann Pye dafür sogar ein Zitat der Betroffenen beibringen, das einer Rede vor den Roten Garden entstammt: "Der Vorsitzende ist immer streng zu mir gewesen. Er behandelt mich zuerst und zumeist wie mein gestrenger Lehrer. Ich glaube, Genossen, ihr kennt den Vorsitzenden als Person besser denn ich. Wir leben zusammen, aber er ist ein Mann, der wenig Worte macht." In der Tat hatte sich das Ehepaar seit langem entfremdet. Was nicht bei Pye steht: einer amerikanischen Forscherin erzählte Tschiang Tsching, während Maos Moskau-Besuch im Jahre 1957 habe sie sich zufällig dort zu einem Genesungsurlaub aufgehalten, doch habe Mao sie nicht ein einziges Mal angerufen. Für Pye ist es ganz klar, warum sich Mao von der Außenwelt abkapselte und warum er keinen Nachfolger entdeckte, den er für würdig halten konnte: Er vermochte eben für niemand positive Gefühle aufzubringen.