"Das gewöhnliche Licht", Gedichte von Harald Hartung. Die Dichtung ist zunehmend privater geworden. Das lyrische Ich, vor kurzem noch ein Rudiment aus dem Paläolithikum der Seele, macht sich neuerdings wieder als die Stimme des Menschen vernehmbar noch ein wenig weltanschaulich eingefärbt wie bei Johannes Schenk und Jürgen Theobaldy, oder schon subjektiv, ganz individualistisch – wie bei Harald Hartung: "Manchmal seh ich uns von außen / vergleich uns mit anderen Paaren / Eheleute sag ich / sind so was Komisches / aber eigentlich ein Wunder...Hartung thematisiert die Liebe, den Urlaub, die Nichtigkeiten des Alltags, Erinnerungen an die Kindheit, Gedanken an den Tod. Seine Sprache ist unangestrengt, leicht und auf kunstvolle Art "natürlich"; das Enjambement zieht sicher Äußeres und Inneres, Faktisches und Emotionelles zusammen, und das Sprunghafte, Nervöse wird in vers libre aufgefangen. So scheint es. In Wirklichkeit ist den Arbeiten dieses Autors ein – allerdings von Gedicht zu Gedicht abgewandeltes – Form- und Ordnungsschema unterlegt. Die Zeilen der einzelnen Strophen enthalten eine jeweils genau abgezählte und auch in der Folge minuziös geregelte Anzahl von Silben: 8, 8, 6, 6, 8 oder 7, 8, 7, 8: .. hinter dem Vorhang lauert / jemand eine Axt in der Hand / eine Axt! und das ganze / Bild war schon vorher voller Blut." Harald Härtung, 1932 geboren, ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Berlin. Als Literaturwissenschaftler hat er sich kritisch mit der experimentellen Literatur und der konkreten Poesie auseinandergesetzt – mit Stilrichtungen, die bei ihren forciert zerebralen Aktivitäten zweifellos Psychisches überlagerten, verdeckten. Dient womöglich das metronomische Durchklopfen der Verse dazu, Affekte abzuwehren und Polymorph-Bildhaftes durch arithmetische Gesetzmäßigkeit zu bannen? (Neske Verlag, Pfullingen, 1976; 48 S., 9,80 DM.)

Hans-Jürgen Heise