Von Günter Herburger

Was macht man mit einem hoffnungswürdigen und lesefrohen Roman, der, obgleich er vor vierhundertfünfzig Jahren spielt, nicht nur von einem Landsmann stammt, sondern in dem man selber auch noch vorkommt samt Freunden? Man läßt am besten die Finger davon, denn es gehört in der Kulturindustrie nicht gerade zur feinen Art, seine eigene mögliche Vergangenheit wie Zukunft mitzubesprechen. Vertrackt die Aufgabe und entschieden die Kluft, doch die Herausforderung reizt, wer wohl am Ende wen verschlingt.

Als gebürtiger Allgäuer sehe ich die Spuren und Grenzen der fürchterlichen Historie, die sich in meiner Heimat ereignete, noch heute. Die Wut, die sich damals gesammelt hatte, und die Schlachten, die geschlagen wurden, erstehen wieder in dem Buch von –

Horatius Haeberle: "Kopf und Arm – Die denkwürdigen Abenteuer des Bauernfähnrichs Wendel Haeberlin"; Droemer Knaur Verlag, München, 1976; 490 S., 34,– DM

Haeberlin, Kaufmannssohn aus Ravensburg, verläßt das väterliche Haus und geht nach Tübingen, wo er studieren möchte. Sein Traum wäre, eine Sternwarte zu errichten, in der er, behaglich Wissen sammelnd und sich der Kontemplation hingebend, über die Erde und in die Fernen des Himmels blicken würde. Aber während einer Wirtshaussauferei ersticht er einen habsburgischen Beamten, muß fliehen und schließt sich einer Horde Bauern an, die sich dem Bundschuh verschworen hat. Aus dem jungen Patrizier ist ein Rebell geworden.

Rechtlosigkeit, Leibeigenschaft, Fron und Hunger haben unter den Bauern revolutionären Zorn entfacht. Immer mehr erheben sich und ziehen durchs Land. Wer nichts sein Eigen mehr nennen kann, verficht Hoffnung und die frevlerische Idee der Notwehr.

Im Norden wurde Thomas Münzer zum glühenden Ideologen der Volksreformation, die das Gottesreich, gegen die tyrannische Obrigkeit, auf Erden verwirklichen sollte. Martin Luther jedoch wetterte wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Empörer. Wer ihr Blut vergieße, verdiene sich das Himmelreich schon zu Lebzeiten, schrieb er in einem Pamphlet. Die Fronten gingen mitten durch Leib und Seele.