Von Hans-Heinz Pöhnl

Die sogenannte "Halbwertzeit" des ärztlichen Wissens, so schätzt man, beträgt acht Jahre. Dieser Durchschnittswert besagt aber nicht viel, denn das ärztliche Basiswissen bleibt doch über Jahrzehnte gültig, während sich andererseits auf verschiedenen medizinischen Fachgebieten die Neuentwicklung mit einer Geschwindigkeit vollzieht, die weit unterhalb dieser Achtjahresfrist liegt. Dies gilt vor allem für die rasch zunehmenden Erkenntnisse auf dem Gebiet der Therapie mit Antibiotika, Antirheumatika, Psychopharmaka, Immunsuppressiva und Zytostatika. Einer Medizin also, die nicht mehr auf die Klinik beschränkt ist, sondern zum Alltag des Arztes gehört.

Drei Viertel der heute tätigen Ärzte haben diese neuen Therapieprinzipien nicht einmal andeutungsweise während ihres Studiums kennengelernt. Sie, aber auch die noch jüngeren, müssen also noch einmal lernen; und hier beginnt das Problem des "Wie und Wann". An Angeboten mangelt es nicht. Da ist zunächst die große Zahl von medizinischen Fachzeitschriften, von denen viele dem Arzt unentgeltlich ins Haus kommen, weil allein die Anzeigen der Pharma-Industrie die Objekte tragen. Aber der wissenschaftliche Ehrgeiz der Redaktionen zielt bei den meisten dieser Zeitschriften, die für den niedergelassenen Allgemeinmediziner, (den früheren praktischen Arzt) geschrieben sein wollen, über dieses Ziel hinaus. Schon die Titel der Beiträge verheißen in der Regel keine praxisnahe Information. Auch ist gerade in der medikamentösen Therapie mit ihren vielen Wenn und Aber die Lektüre allein zumeist nicht ausreichend. So kommt es, daß der niedergelassene Arzt oft genug nur Minuten für die Durchsicht mehrerer Wochenhefte aufwendet.

Kaum noch zählbar ist auch die Zahl der für den Allgemeinmediziner bestimmten Wochenendtagungen, Klinikseminare und Fortbildungskongresse, die von medizinischen Gesellschaften, den Medizinischen Akademien der Ärztekammern und – in renommierten Ferienorten in Österreich, Italien und der Schweiz – von der Bundesärztekammer veranstaltet werden.

Allen Wochenendtagungen gemeinsam ist das Problem, daß nach einer anstrengenden Arbeitswoche die Bereitschaft der Ärzte gering ist, Stunden auf der Fortbildungsbank zu sitzen. Und das bei Vorträgen zu verschiedenen Themen, die die volle Konzentration verlangen, wenn sie überhaupt von Nutzen sein sollen. Was da an Samstagnachmittagen und Sonntagvormittagen an schwerer Vortragskost geboten wird, ist beeindruckend, bleibt aber von fragwürdigem Erfolg.

Fortbildungsseminare, die über eine oder zwei volle Wochen gehen und in den im Entstehen begriffenen Medizinischen Akademien der Ärztekammern oder in Verbindung mit Universitätskliniken durchgeführt werden, sind das Ziel der Planung. Aber welcher niedergelassene Arzt ist schon bereit oder in der Lage, neben seinem Urlaub seine Praxis jährlich für ein oder zwei Wochen zu schließen, um nochmals auf die Schulbank zu gehen?

Die Konsequenz dieses Dilemmas sind die von der Bundesärztekammer seit Jahren in Meran, Davos, Grado, Badgastein und Montecatini durchgeführten großen Fortbildungskongresse.