Von Elisabeth Noelle-Neumann

Wie viele Unentschiedene noch?" Die Frage: "Wissen Sie schon genau, für welche Partei Sie bei der Bundestagswahl stimmen wollen, oder überlegen Sie noch?" beantworten drei Wochen vor der Wahl 11 Prozent: "Ich überlege noch." 1969 und 1972 waren es zum gleichen Zeitpunkt 16 Prozent, die noch schwankten.

Die politischen Einstellungen in der Bundesrepublik haben sich wieder verfestigt. Im Jahre 1972 änderten während des Wahlkampfes zwischen Anfang Oktober und dem 19. November 28 Prozent ihre Wahlabsicht, 26 Prozent der Männer, 30 Prozent der Frauen. (Tabelle 1)

Im Jahre 1976 haben zwischen Ende Juni und der ersten Hälfte September 11 Prozent ihre Wahlabsicht gewechselt, Männer und Frauen in etwa gleichem Anteil. Die Stärke der Parteien hat das fast nicht beeinflußt, die Wechsler hin und her hielten sich praktisch die Waage.

Das ist ein langweiliger, enttäuschender Befund. Für die Wechselwähler interessiert man sich schließlich nur, weil man annimmt, daß die Wahl von ihnen entschieden wird, besonders eine so knappe Wahl, wie sie uns diesmal anscheinend bevorsteht.

Anscheinend. Denn 1965 und 1972 haben wir erlebt, daß sich in den letzten drei Wochen ein klarer Vorsprung für eine Seite entwickelte – 1965 für die CDU/CSU, 1972 für SPD und FDP, ganz ähnlich war es 1975 bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen; damals gab es ganz am Schluß einen Swing zugunsten der SPD.

Eigentlich sei alles spätestens drei Wochen vor der Wahl entschieden – diese These läßt sich heute nicht mehr aufrechterhalten. Auch wenn die Wechselwähler sich gegenwärtig in ihren Entscheidungen neutralisieren, sind sie labil genug, um vom Meinungsklima in die eine oder andere Richtung getrieben zu werden.