Von Helmut Schneider

Im Wahlkampf "Wahlkampf": eine Ausstellung zur richtigen Zeit, an neutralem Ort, im Württembergischen Kunstverein, mit Hilfe aller Parteien organisiert – und doch nicht die schon längst fällige Untersuchung eines zugegebenermaßen brisanten Themas. Die Ausstellung möchte an Hand der Plakatwerbung für die Bundestagswahlen seit 1949 darstellen, "wie die politischen Parteien die Massenmedien zur Darstellung ihrer Interessen einsetzen". Tilman Osterwold, der Kunstvereinsleiter, weiß andererseits aber genau, daß eine solche Absicht im derzeitigen politischen Klima nicht zu verwirklichen war. Er hätte sich dabei wahrscheinlich mehr Parteienärger eingehandelt, als der mit öffentlichen Geldern subventionierte Verein verkraften könnte.

Das Werbematerial des diesjährigen Wahlkampfes ist vollständig ausgebreitet (und wird laufend ergänzt). Es fehlen nur die Vergleichsbeispiele aus der Konsumwerbung, die eindeutige Hinweise auf die Herkunft der Parteienwerbung geben würden. Es fehlen die glücklichen Kühe, die eine Agentur nun zum Nutzen der SPD melkt: glückliche Kinder und glückliche Arbeiter und glückliche... Es fehlt die Reklame, auf der das schwedische Mannequin, im Wahlkampf damit beschäftigt, "den Linken jetzt die rote Karte" zu zeigen, Unterwäsche vorführt, so verführerisch, als sei’s ein Dessous: sieht so die CDU aus?

Allem Anschein nach ist es für die Mehrzahl der Bundesbürger gar nicht so einfach zu durchschauen, daß sie im Wahlkampf in gleicher Weise manipuliert werden wie sonst auch. Vielleicht stört sie das überhaupt nicht. Vielleicht entspricht der Helmut Kohl, der auf einem Großplakat als Dressman erscheint, tatsächlich ihren Erwartungen. Eine naheliegende Assoziation: Neue Herbstmode, kaufe und wähle mal was anderes ... Offensichtlich kalkulieren die Wahlkampfstrategen ein, daß eine Reihe wichtiger politischer Begriffe weitgehend mit Inhalten besetzt ist, die von der Markenartikelwerbung für ihre Zwecke griffig aufbereitet worden sind. Wahlaussagen werden so präpariert, daß sie wie Produktbeschreibungen wirken und zum "Kauf" animieren. Marketing statt Information: Politik als Ware. "Aus Liebe zu Deutschland" statt/oder "Aus Liebe zur Wäsche".

Wo bleiben die Argumente? Eine berechtigte, aber nach Lage der Dinge fast schon naive Frage. Sie sind ganz einfach auf der Strecke geblieben. Der Blick, auf die Plakate der ersten Bundestagswahlkämpfe macht deutlich, warum. Argumente waren Von Anfang an nicht gefragt, richtiger vielleicht: die Parteien haben dem Wähler auf den Plakaten nicht genügend angeboten. Die CDU hat schon 1949 Emotionen mobilisiert, ihr Thema war damals bereits Freiheit oder Sozialismus, nur war es anders formuliert. Auf Plakaten, die bestenfalls das Niveau eines anspruchslosen Reiseprospekts erreichten, schlimmstenfalls an Blu-Bo-Propaganda erinnerten, stellte die Partei sich als Retter angesichts der roten Flut dar und als Schützer der abendländischen Kultur. Zugegeben, das waren noch selbstgebastelte, nicht von Werbeagenturen ausgetüftelte Plakate, die Anleihen bei der politischen Ikonographie der deutschnationalen (und nationalsozialistischen) Wahlkampfvergangenheit wirken dennoch auch im nachhinein recht peinlich.

Die Plakate der SPD waren 1949 noch viel unattraktiver, es waren in der Hauptsache Textänschläge. Immerhin aber behandelten sie politische Fragen wie Gleichberechtigung, Gemeinschaftsschule oder Mitbestimmung. Es dauerte allerdings nicht lange, dann sahen ihre Plakate so aus: blauer Himmel, Kindermund, SPD. Was dann folgte, in den sechziger Jahren, ist noch in guter optischer Erinnerung. Gelungene, originelle Plakate waren selten, das letzte sammelnswerte Plakat stammt aus dem Wahlkampf ’72 und warb für die FDP – "Vorfahrt für die Vernunft". Ein Märchen aus vergangenen Zeiten.

Im Vergleich mit der Parteienwerbung für die Reichstagswahlen 1932/33 – Plakate aus jener Zeit bilden den durchaus nicht nostalgisch gemeinten Vorspann der Ausstellung wirkt die heutige eintönig und einfallslos. Damals war die Konkurrenz größer, Wahlkampf war tatsächlich ein Kampf um Stimmen, mit Argumenten und emotionalen Appellen, mit Polemik und auch mit Diffamierung. Die Plakate, überwiegend graphisch gestaltet, waren durch ihre Bildinhalte eindeutig zu erkennen als Wahlvisitenkarte der einen oder anderen Partei. Heute arbeitet die Wahlwerbung mit der Photographie, die medienspezifische, nicht parteienspezifische Bilder liefert – und das gilt auch für die Porträts von Spitzenpolitikern. So ist die Ähnlichkeit der Plakate untereinander stärker als der Unterschied der Parolen. Wahlkampf ’76: ein optischer Eintopf. Die nicht mehr privaten, gewissermaßen halboffiziösen Plakatinitiativen von Klaus Staeck (für Freiheit gegen CDU/CSU), Hans Gassmann (gegen Sozialismus für CDU) und Klaus Wehmeier (gegen Umdreggern für FDP) sind die einzigen Lichtblicke in einer sonst trostlosen Wahlkampflandschaft. (Württembergischer Kunstverein bis 3. Oktober.)