Die Bundestagsparteien versuchen neuerdings mit allen Mitteln, ein wenig erforschtes Phänomen dingfest zu machen: die Stimmensplitter, jene Wähler also, die ihre Erst- und Zweitstimme verschiedenen Parteien geben.

Ursache der Aufregung: Das Allensbacher Institut und das Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut der Konrad-Adenauer-Stiftung stellten fest, daß die Union bei der "Sonntagsfrage" (Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?) deutlich besser abschneidet als bei der Frage, wer denn die entscheidende Zweitstimme erhalten soll.

Allensbach ermittelte Anfang September bei der ersten Frage 50,4 und bei der zweiten 48 Prozent für die Union (FDP: 9,1 und 11,8 Prozent); Professor Oberndörfer (Konrad-Adenauer-Stiftung) registrierte bei seinen Umfragen einen Unterschied von ein bis zwei Prozent. Dabeide Institute außerdem eine erschreckende Unkenntnis über die Bedeutung von Erst- und Zweitstimmen festgestellt haben, liegt der von Oberndörfer formulierte Schluß nahe: "Die Unkenntnis der ausschlaggebenden Bedeutung der Zweitstimme geht primär zu Lasten der CDU/CSU." Genau diese These scheint anderen Forschern zweifelhaft.

Stimmensplitting hat es immer schon gegeben: 1972 hat die SPD drei Prozent mehr Erststimmen als Zweitstimmen bekommen und die CDU 0,5 Prozent mehr. Profitiert hat davon die FDP. Das Splitting spielte sich also hauptsächlich innerhalb der Koalition ab.

So gut es geht, versucht sich die SPD in dieser Wahl dagegen zu schützen. Geschäftsführer Börner: "Ich habe dies schon damals, als Wahlkampfleiter, mit Mißvergnügen gesehen, und ich sage heute, die SPD hat keine Stimme zu verschenken." Konsequenterweise mahnt die SPD: "Wichtig: Mit Ihrer Zweitstimme wählen Sie den Bundeskanzler." Untersuchungen des Infas-Instituts zeigen, daß diesmal das Stimmensplitting nicht nur im Umfeld der SPD zu erwarten ist, sondern in größerem Umfang auch im Randbereich der CDU/CSU. Die Stimmensplitter treten massiert bei den gehobenen Berufen auf (18 Prozent haben die Absicht); sie sind am seltensten bei an- und ungelernten Arbeitern (sechs Prozent) – eher ein Indiz dafür, daß Splitting als bewußte Strategie und nicht aus Unkenntnis betrieben wird.

Den Infas-Wahlforschern will es nicht ganz einleuchten, daß "Splitter" die Wirkung ihres Verhaltens nicht kennen, also nicht wissen, daß die Zweitstimme bei der Endabrechnung den Ausschlag gibt, gleichwohl aber sich so verhalten, daß die Zweitstimmen mehrheitlich der Koalition zugutekommen.

Denkbar für das Splitting sind neben Unkenntnis vor allem zwei Ursachen: einmal die Überlegung von FDP-Wählern, daß ihr Direktkandidat ohnehin keine Chance hat und daß sie mehr bewirken können, wenn sie dem Kandidaten der einen oder anderen großen Partei zum Sieg verhelfen. Das ist wohl die häufigere Ursache. Daneben gibt es das Spliting als Versuch, eine schwierige Entscheidung zu harmonisieren – etwa Sympathie mit der Opposition und Vorbehalte gegenüber ihrer Führung in Einklang zu bringen.